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 Last updated: 10/2009

LESEPROBE Die Fölmlis. Eine Schuhmacherfamilie.

Herbstkinder im Guon

Anton war ein Herbstkind, soviel ist gewiss. An einem späten Freitagabend holte er in der Schlafstube im Guon zum ersten Mal tief Luft. Und schrie zum Gotterbarmen. Die Hebamme lachte den Kleinen an und legte ihn auf die Waage. Gesunde Lungen! Rief sie der Kindsmutter zu. Quel gaillard! Ein strammer Bub, fuhr sie fort, Dreitausendsechshundertsiebzig Gramm, prall wie die Trauben in den Twanner Weinbergen! Die Hebamme hatte aus dem Welschland nach Willisau geheiratet und liebte ihre eigenen Vergleiche. Die Mutter fühlte sich gerade sterbensmüde und mochte die Augen nicht öffnen.

Tatsächlich schien Anton, wie die Rebstöcke, die Kraft der Sonne während des ganzen Sommers vom Himmel geholt zu haben. Vor seiner Geburt. Durch den Bauch seiner Mutter hindurch. Streckte er seine Fühler aus. Legte Sensoren aus. Sog die Wärme von Mutters Hautoberfläche ein. Wie Sonnenziegel, Solarzellen oder Photovoltaikplatten auf einem Scheunendach oben in Luthernbad. Kein Mensch kannte damals diese Wörter, geschweige denn die dazu gehörenden Gegenstände oder Wirkungsweisen. Ich weiss von Halbleitermaterialien, Multischichtzellen oder Kristallstrukturen auf Satteldächern nur, weil ich im 21. Jahrhundert lebe. Als Anton geboren wurde, hätte kein Bauer am Hirsern sagen können, was Sonnenenergie ist und wie sie gemessen, genutzt oder gar gespeichert werden soll. Wenn es einmal im August wirklich heiss wurde, wischten sie sich mit grossen karierten Taschentüchern den Schweiss von der Stirn und arbeiteten weiter. Anton hingegen scheint diese Energie instinktiv gespürt und eingefangen zu haben. Ohne Wissen. Ohne Absicht. Ohne Sorge. Mit blinden Augen, stumpfen Fäusten, ungerichteten Fusstritten. Im Mutterleib. Anton war noch nicht geboren und konnte schon die Wärme der Sonne umwandeln. Für seine Zwecke. In körpereigene Substanz, Lebenskraft, Übermut. Für eine kleine Ewigkeit von dreiundachtzig Jahren. Allein dies muss für seine Zeit als stolze Leistung angesehen werden. Über acht Jahrzehnte zu leben!

Ich kann nicht anders, ich muss dieses Leben anachronistisch erzählen. So muss ich, zum Beispiel, Begriffe aus der Solartechnik heranziehen, die bei Antons Geburt noch gar nicht erfunden war. Ich brauche präzise Worte. Für sein Wesen. Seine Gestalt. Seine Erscheinung. Anton ist, wie er ist. Ich erfinde ihn nicht wie ein Physiker, der die Lichtstärkenmessung erfand. Ich verändere ihn nicht wie ein Wissenschaftler, der belichtete und unbelichtete Teile in ein Säurebad eintaucht. Ich zerre nicht an ihm herum. Blähe ihn nicht unnötig auf, grenze ihn nicht grundlos ein, kratze nicht aus übertriebenem Sauberkeitssinn den Schuhmacherleim unter seinen Fingernägeln hervor. Ich warte nur. Auf ihn. Ich warte. Nur auf ihn. Wenn er klare Konturen gewonnen hat, gibt es keine Zweifel mehr an seiner Existenz. Die Zeit ist voller Nebel. Er muss sie verlassen. Damit ich ihn erkenne. Dann eile ich ihm nach und hoffe, dass er mir nie mehr entkommt. Sein erster Auftritt ist fulminant. In Zeitzeugnissen lese ich, dass die Bauern in der Gegend im Allgemeinen über hohe Abgaben und schlechtes Wetter klagten. Auf den schattigen Hängen verfaule das Korn, brachten sie vor. Und das seit Kurzem auftretende bösartige Katarrhalfieber befalle auf den feuchten Weiden die Hausrinder. Der Fötus aber wollte wachsen, nichts als wachsen. Gross und schwer werden, bis die Haut der Mutter platzte. Er holte sich die Kraft dort, wo sie im Überfluss vorhanden war. Am Himmel. Der Bub kam auf die Welt wie ein guter Jahrgang Schafiser oder Oeil de Perdrix. In der Sonne gereift.

Die Hebamme kitzelte ihn an den winzigen Fusssohlen. Band den Bauchnabel ein, schlug die Windel zusammen. Quel gaillard! Sie sah es, sie hörte es. Anton brüllte aus Leibeskräften, sein Gesichtchen lief dunkelrot an. Sie lachte ihn aus, sie hatte schon vielen Neugeborenen in den Napfabdachungen ins Leben geholfen. Meist mit einem entschiedenen Klaps auf den Hintern. Sie brauchte kein Refraktometer. Sie mass keine Öchslegrade. Sie hatte Augen und Ohren. Und Fingerspitzen. Alle Weintrauben, nicht nur die am Bielersee oder Murtensee, verdankten ihren ungewöhnlich hohen Zuckergehalt in jenem Herbst der Sonne. Sie mussten deshalb, darüber hatte die Schwester der Hebamme lange genug lamentiert, nachts geerntet werden. Der Schwager war ein ewiger Tüftler und Sternegucker. Über die Jahre hatte er herausgefunden, dass der Wein ein volleres Aroma entwickelte, wenn die Trauben in der Nacht und nicht am Tag von den Stöcken geschnitten wurden. Den besten Wein presste er von der Vollmondnachtlese im September und Oktober. Da in jenem Jahr der Mond immer vor Monatsmitte voll war, wurden Mägde und Knechte noch im November und Dezember nachts zur Eislese in den Weinberg geschickt. Anton strampelte, fuchtelte und schrie. Die Hebamme gab endlich nach und hob ihn hoch. «Quel gaillard!», sagte sie noch einmal bewundernd, und legte den Bub an die Brust der Mutter. Er fing sofort an zu trinken und es trat Ruhe ein.

Die Hebamme ging in die Küche, gratulierte dem Vater. Der sass am Tisch und wusste nicht, wohin mit sich. Sie trug ihm auf, den Sohn am Sonntag beim Pfarrer anzumelden, geboren am 29. Oktober 1886 um 23 Uhr 32.

Von der Kindsmutter weiss ich weniger als von der Hebamme. Sie war erschöpft nach der Geburt, soviel ist gewiss. Ohne die Augen zu öffnen, tastete sie mit der Hand nach dem kleinen Schopf, dem mageren Rücken, den winzigen Ärmchen und Fingerchen. Ihr rechter Daumen strich über die glühenden Wangen. Anton hatte sich in Rage geschrieen. Er war ihr sechstes Kind. Sie ermahnte ihn ohne ein Wort, nur mit einem leichten Druck der Fingerkuppen, um Gottes willen nicht derart gierig zu saugen. Ihre Brust nicht gleich beim ersten Mal so zu traktieren. Für ihn sei immer genug da.

Tatsächlich musste sie am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Sie hatte trotz der Schwangerschaft den ganzen Sommer hart gearbeitet. Tagsüber auf dem Feld, im Stall, im Heu am steilen Hang. Abends in der Küche. Frühmorgens am Waschbrett, am kalten Brunnen. Alle wollten in jenem Sommer das gute Wetter ausnützen. Auch das ungeborene Kind in ihrem Bauch. Dass es ein strammer Bub würde, ahnte sie nicht. Dies teilte ihr die Hebamme mit, als alles vorbei war. Und da stand auch schon der Name fest. Anton, Toni! Die Mutter konnte später nicht mehr sagen, wie sie auf den Namen gekommen war. Aber sie bestand darauf, dass der Bub Anton getauft würde. Dass der Vater am Sonntag mit diesem Namen beim Pfarrer vorspräche. Toni, schärfte sie Jahre später ihrem Jüngsten beim Abschied ein, mach deinem Namen Ehre. Der Bub gaffte sie an. Er verstand nicht, was die Mutter sagen wollte. Er war gerade erst dreizehn geworden und trug Vaters schwere Schuhe. Sie waren ihm zu gross, er musste sie mit Zeitungen ausstopfen. Er ging an einem Sonntagnachmittag aus dem Haus. Am Montag in der Früh würde er seine Lehre anfangen. Noch lag Schnee auf den Hügeln. Anton war stolz und hatte Angst zugleich.

Es war einer der letzten trockenen Sommer in jenem Jahrhundert, als die Mutter mit Anton schwanger war. Das Osterfest feierten sie spät, erst Ende April. Einer der älteren Buben empfing die Erste Kommunion und der Mutter war den ganzen Tag schlecht. Das Wetter hielt sich und so sassen sie nach dem Mittagessen unter dem Birnbaum im Garten. Es gab noch keine Instrumente, keine flächendeckenden Messungen, keine verlässlichen Aufzeichnungen. Es reichte ein Blick in den Himmel und an den Horizont. Am Morgen oder am Abend. Und schon wussten die Bauern auf dem Vorberg, ob das Heu eingefahren werden konnte oder nicht. Es gab Melker, Knechte, Mütter, Tüftler, Kräutersammler, auch Hexen. Die konnten aber meist nicht schreiben. Und hinterliessen keine Hefte, keine Bücher, in denen ich blättern könnte. Alle Augenzeugen sind tot, verstummt, ihre Gefühle erkaltet, die Zeit dahin, die Prognosen überholt. Die Wolken am Himmel haben sich längst verzogen. Anton kam an einem Freitag zur Welt. Das Datum kann ich nachschlagen im Taufbuch oder im Zivilstandsregister von Willisau. Den Wochentag finde ich im immerwährenden Kalender. Der 29. Oktober fiel im Jahr 1886 auf einen Freitag. Die Hebamme gab dem Vater die Geburtszeit mit 23 Uhr 32 an. Auch über die Konstellationen am Himmel bestehen keine Zweifel. Mithilfe einer komplizierten mathematischen Formel könnte ich die Mondphase zur Geburtsstunde sogar selbst berechnen. Einfacher und sicherer ist es, wenn ich eine bestimmte Seite im Internet aufrufe. Und mir zuerst die Unterschiede der Zeiten erklären lasse. Ich lerne, dass es eine Sonnenzeit, eine Weltzeit, eine Ephemeridenzeit, eine Sternzeit, eine Atomzeit, eine Dynamische Zeit sowie eine Koordinierte Zeit gibt. Jede Zeit ist voller Nebel und hat verschiedene Namen. Die Zeit ist an sich und in sich unregelmässig. Der Mond, stellten die alten Himmelskörperbeobachter fest, bewege sich schneller um die Erde, als es die Formeln erlaubten. Heute wissen wir, dass die sogenannte Akzeleration, die Beschleunigung des Mondes oder anderer Gestirne der Erde gegenüber, nur scheinbar besteht. Denn es ist die Erde, die fortlaufend an Schwung verliert. Es ist die Erde, die sich langsamer dreht, als die Formel vorgibt. Die Erde wird abgebremst. Angeblich durch die Gezeiten. Durch die Wucht des Wassers, denke ich, oder die Unwucht. Wie auch immer. Unbeschadet komme ich weiter auf die Seite des Mondphasenkalenders. Er wurde nach den Astronomischen Algorithmen von Meeus erstellt für die Jahre 1700 bis 2199. Ich überspringe die Anmerkungen zu den Tabellen und der Genauigkeit der Berechnungen. Klicke ungeduldig das Jahr 1886 an, rolle auf das Ende des Monats Oktober zu. Der Mond war neu am Morgen des 27. Oktober 1886 um Viertel nach Sieben. Der stramme Bub hatte sein maximales Geburtsgewicht bei zunehmendem Mond, zwei Tage, sechzehn Stunden und siebzehn Minuten nach Neumond erreicht. Eine ganz dünne Sichel, wie ein abgeschnittener Kinderfingernagel, mag am frühen Abend nur kurze Zeit am Himmel gehangen haben. Da lag die Mutter schon in den Wehen. Sie war so matt, dass ihr kaum bewusst gewesen sein dürfte, dass auch sie ein Herbstkind war. Toni, ihren Jüngsten, brachte sie in der sternenklaren Nacht vor ihrem neununddreissigsten Geburtstag zur Welt.

Damit ist das Wichtigste gesagt und Antons Leben könnte hurtig zu Ende erzählt werden. Nichts ist einfacher, als ein gradliniges Leben aufzuschreiben. Den schnurgeraden Weg dieses strammen Buben, quel gaillard, zu verfolgen. Der Reihe nach. Von A bis Z. Ich blättere in Papieren, Unterlagen, Dokumenten, Ausweisen. Ziellos. Hebe das Wohlgeordnete auf. Sie sind all die Jahrzehnte, ja das ganze Jahrhundert hindurch, auch in zwei Weltkriegen nicht verloren gegangen. Das Familienbüchlein, das Dienstbüchlein, diverse Bescheinigungen, Abmachungen, Verträge, beglaubigte Abschriften von Grundbuchblättern, Eintragungen, Änderungen, Löschungen, Schuldbriefe, Liebesbriefe, Brandsohlenrechnungen, Absatzlederrechnungen, Pech- und Hanfgarnrechnungen und vieles andere mehr. Sauber gelocht und chronologisch in Bundesordnern abgeheftet. Daneben türmen sich Schuhschachteln mit Fotoalben. Bilder in Schwarz-Weiss. Man hat sie mir vom Dachboden heruntergeholt. Vergilbte Quadrate mit gezackten Rändern. Auf Kartonplatten geprägte Lächeln. Oder auch ein ernster Blick. Die feste Absicht, aufrecht durchs Leben zu gehen. Darunter die schwungvolle Signatur eines Fotografen. Oder einer Fotografin. Momentaufnahmen aller wichtigen Stationen. «Zur Erinnerung an unseren Hochzeitstag.» Anton als junger Mann, aufgenommen von «H. Friebel-Sahli», früher H. Tschupp, in Sursee. Rosa, seine spätere Frau, als junges Mädchen, abgelichtet von «Frl. E. Zurkirchen». Und schon muss ich innehalten. Nehme das bereits in die Schachtel zurückgelegte Bild noch einmal in die Hand und betrachte es genauer. Rosa, sehr ernst, sehr gefasst. Eine hohe Spitzenkrause umschliesst ihren Hals bis zum Kinn. Sie löst die Lippen nicht voneinander. Das wird sich auf allen späteren Fotos nicht mehr ändern. Der Mund ist ein Strich und wirkt dennoch nicht verbissen. Rosa lächelt mit geschlossenen Lippen. Ihr Gesicht ist offen, verrät aber kein Geheimnis. Rosa schaut mich an, freundlich, freimütig, leicht verwundert. Als wollte sie mich fragen, was ausgerechnet ich mit ihr zu schaffen habe.

Auch ich muss mich an meine Figuren und ihre Fragen gewöhnen. Sie sind aus dem Nebel aller Zeit hervorgetreten. Und haben deutliche Gesichtszüge bekommen. Ich muss sie mir einprägen. Denn von ihnen kann ich ablesen, was hinter der Stirn, unter der Brust vorgeht.

Rosa liess sich von Fräulein Zurkirchen ablichten. War das damals üblich, möchte ich sie fragen, dass eine unverheiratete Frau den Dienst einer unverheirateten Fotografin in Anspruch nahm? War es umgekehrt nicht ungewöhnlich, dass ein Fräulein Fotografin war? Und gleich zwei Fotoateliers betrieb? So steht es geschrieben auf Rosas Foto. In der weiss eingestanzten Signatur unter dem Brustbild lese ich: «Fräulein E. Zurkirchen» und «Willisau. & Schüpfheim.» Jede Zeile endet mit einem Punkt. Nur den Vornamen gibt die Fotografin nicht preis. Aus Platzgründen. Sie hat einen guten Geschäftssinn. Die beiden Ortsangaben sind wichtiger als einer ihrer Vornamen. Wann ist die Aufnahme entstanden, würde ich gerne weiter fragen. Diese Frage könnte auch die Fotografin beantworten, denn sie bewahrt alle Platten für Nachbestellungen oder Vergrösserungen auf. Wahrscheinlich um die Jahrhundertwende, denke ich, in einem der ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Dass das Jahrhundert gewechselt hatte, kümmerte niemand. Damals warf die Zeit noch keine Fragen auf, sie verlief gradlinig, gerade wie das Leben. Erst im Nachhinein hüllt sie sich in Nebel. Rosa war etwas älter als Anton. Sie mag auf dem Bild zwei-, drei-, vierundzwanzig, höchstens sechsundzwanzig Jahre alt sein. Rosa schweigt. Lächelt mich ungerührt an, den Mund zu einem waagrechten Strich zusammengezogen. Vielleicht war Fräulein Zurkirchen eine Kundin von Rosa. Rosa hiess Mehr und war Schneiderin. Sie ging auf die Stör. Anton hiess Fölmli und war Schuhmacher. Er ging auf die Stör. So lernten sie sich kennen. Auf der Stör. Bei der Arbeit im Haus des Kunden. Er nähte Stiefel für den Bauern und sie schnitt das Sonntagskleid für die Bäuerin zu. Bestimmt sassen sie zum Essen an einem Tisch in der Küche, löffelten Suppe und sagten nichts zueinander. Nach Feierabend hatten sie denselben Heimweg. Da konnte ein Wort das andere gegeben haben, auch unter schweigsamen Menschen.

Auszug aus: Judith Arlt. Die Fölmlis. Eine Schuhmacherfamilie. Oberengstringen 2009, S. 11-18

© Judith Arlt 2009 

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