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 Last updated: 01/2008

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Das Wörterbuch der Antonyme

Ein halbes Jahr lang lebte ich in Krakau. Ich wohnte im Laski-Haus zusammen mit der Engelin in einem Zimmer unter dem Dach. Die Engelin bekam ich zum Geburtstag, den ich gleich nach meiner Ankunft feierte. Obwohl ich weiß, dass man in Krakau nicht Geburtstag, sondern Namenstag feiert, lud ich meine besten Freunde ins Restaurant Unter den Engeln ein. Wolfgang kam aus Berlin angeflogen. Zum ersten Mal. Freunde in Krakau hatte ich immer schon. Noch aus der Zeit, als ich ihrer Sprache nicht mächtig war. Und sie heißen, wen wundert’s, Krakowski. Es gibt eine ganze Sippe von Krakowskis, in Krakau, in Polen sowie über die ganze Welt verstreut. Einige von ihnen kenne ich von klein auf. Andere sind bereits von uns gegangen. Aus Töchtern wurden Mütter, aus Müttern Großmütter, aus Großmüttern Urgroßmütter usw. Dies bedeutet nur, dass mein sechsmonatiges Leben in Krakau in gewohnten Bahnen verlief. Unter meinesgleichen.

Eine der ehemaligen Töchter, genau genommen eine der Krakowski-Nichten, an die ich mich noch als über beide Ohren verliebte Jugendliche erinnere, überreichte mir während des polnischen Abendessens Unter den Engeln ein in buntes Papier gewickeltes Geschenk. Zum Vorschein kam – die Engelin. Ich weiß, dass dieses Wort nicht existiert. Weder in dieser noch in einer anderen Sprache. Im Deutschen gibt es keine Engelin, auch im Polnischen nicht. Nur bei mir genießt das Wort Gastrecht. In meinem Krakauer Zimmer wachte die Engelin. Und seither gibt sie überall Acht auf mich, wo immer ich mich gerade aufhalte. Meine Krakauer Engelin ist kein ätherisches Geschöpf, sie ist weder durchsichtig noch körperlos. Die Krakauer Engelin hat konkrete Ausmaße und ist mit eindeutig weiblichen Attributen ausgestattet. Meine Engelin arbeitet. Als Gärtnerin. Sie trägt ein geblümtes Kleid und eine Schürze mit riesigen Taschen. Flügel aus grobem Leinen sind auf ihren Rücken geschnallt. Wie ein überdimensionierter Rucksack. In der linken Hand hält sie eine Gießkanne. Fliegen kann sie dennoch nicht. Obwohl sie schwebt über mir, unter dem Krakauer Dach oder im Berliner Zimmer im Erdgeschoss, durchschneidet sie doch die Luft mit entschiedenen Schritten. Mit den Füßen. In Filzstiefeln. Meine Engelin ist Linkshänderin und gießt meine Gedanken, meine Träume, meine Wörter. Wie Regen in den Tropen rieselt regelmäßig Wasser aus ihrer Gießkanne. Auf meine polnischen Wörter und auf meine nicht-polnischen Wörter. Auf meine richtigen Wörter und auf meine nicht-richtigen Wörter. Auf meine Wörterbuchwörter und auf meine Unwörterbuchwörter oder Wörterbuchunwörter. Der Baum hingegen, der in Krakau über das Laski-Haus hinaus gewachsen war, über mein vorübergehendes Dachzimmer und mein ganzes damaliges Vorstellungsvermögen, weckte uns jeden Morgen. Mit unbeschreiblichem Getöse warf er seine ungenießbaren Kastanien auf uns ab. Bis keine einzige mehr an seinen Ästen hing.

Jetzt scheint es mir, als ob ich in Krakau das Leben eines Antonymwörterbuches geführt hätte. Goldener Herbst. Klirrender Frost. Klare Satzbaugedanken. Große Stilistikzweifel. Die schwarz-weiße Welt. In Zukunft werde ich über die Poetik von schlummernden Bankkonten oder das Unübersetzbare von Wörtern wie „powsinoga“ oder „drapichrust“ nachdenken zu müssen.

Verweilen wir noch einen Moment beim Geburtstag. Denn nach ihm begann die Zeit des Kinos. Mein Krakauer Leben eröffneten zwei Filme. Der erste – ein durch und durch polnischer Film: Lawa von Tadeusz Konwicki. Der zweite – ein Dokumentarfilm, in dem kein einziger Mensch zu sehen ist: Die Reise der Pinguine von Luc Jacquet. Den ersten Film sah ich allein, in der Originalversion. Das heißt, mit einer Handvoll anderer Verlorener Seelen im Kino Ars, im Reduta-Saal. Dies ist angeblich der einzige Kinosaal in Polen, in dem weder gegessen noch getrunken werden darf. Den zweiten schaute ich zusammen mit meinem Mann an. In einem modernen Einkaufszentrum, mit Geschäften, Fressbuden und Kinos, wie überall auf der Welt. Obwohl die Kaiserpinguine in der Antarktis in keiner menschlichen Sprache sprechen, wies uns der Mann an der Kasse darauf hin, dass der Film in der synchronisierten, also polnischen Version gezeigt werde. Wolfgang war begeistert. Die Wörter würden ihn nicht berühren. Er hatte auf dem Flug nach Krakau in der Zeitung gelesen, dass die Bilder schön, der Text aber dumm sei, weil die Wörter eine rührselige Hollywoodstory erzählen wollten.

Lawa ließ mir keine Ruhe mehr. Tatsächlich wundere ich mich bis heute darüber, dass der letzte Film von Konwicki (Lawa) so ganz anders ist als das letzte Buch von Konwicki (Pamflet na siebie). Ich schrieb im Übrigen an meinem nächsten Buch über Konwicki. Deswegen saß ich in Krakau. Im Zimmer unter dem Dach. Unter der wachsamen Gießkanne meiner Engelin. Ich konzentrierte ich mich auf das „sprechende ich“. Auf den kreativen Hiatus. Wer erzählt? Wer zeigt uns auf der Leinwand einen glühenden Lavastrom von Wörtern, Bildern, Gedanken, Gefühlen und Taten? Und wer schreibt ein Pamphlet, in dem die Wörter abnehmen und untergehen wie der Mond am Himmel?

Die Reise der Pinguine hingegen, die Dokumentation über die zweihundertkilometerlange Wanderung über das Packeis zum Brutplatz Oamoku, gipfelt in der Weisheit der Pinguinküken. Mit synchronisierter Stimme verkünden sie, dass die Welt aus einer schwarzen Seite und einer weißen Seite besteht. Die schwarze Seite (der Pinguinrücken) bedeutet Abschied. Trennung. Entbehrung. Und die weiße Seite (der Pinguinbauch) bedeutet Rückkehr. Vereinigung. Futter. Die Mutter dreht sich an einem bestimmten Tag um und watschelt zurück zum Eismeer, denn sie ist hungrig und erschöpft. Nach zwei Monaten kommt sie wieder, um das Küken zu füttern und den ausgehungerten Vater abzulösen. Und so weiter. Das schwarz-weiße Leben. Gegen allen Anschein ist dies eine bunte, ja poetische Sicht der Dinge. Aber die Poesie ist menschlichen Geschlechts. So wie der Kitsch. Oder die Romantik. Auf dem Packeis der Antarktis ist gewiss kein Platz für Poesie. Denke ich. Und wie viel Zeit doch Kaiserpinguine in ihrem Leben mit Warten verbringen! Auch Langeweile ist menschlichen Geschlechts.

Ich nahm Polnischstunden. Obwohl auch dies niemand verstehen wollte. Weder meine Krakowskis noch andere Krakauer. Wie auch immer. Mein Mann und ich führen ein Pinguinleben. Im Rhythmus regelmäßiger Trennungen. Er kam angeflogen. Und ist schon wieder weggeflogen. Im Gegensatz zu den fluguntauglichen Vögeln an der Weddellsee kann er fliegen. Ich verstehe einfach die polnischen Verbalpräfixe nicht. Warum beispielsweise auf den Anzeigetafeln in Balice die Wörter für „gelandet“ und „gestartet“ mit der gleichen Vorsilbe „wy“ gebildet werden („wystartowal”, „wyladowal”). Aber jetzt sehe ich, dass es im Deutschen nicht anders ist. Auch hier gibt es für ankommen, anreisen, anfliegen, anstürmen, annähern usw. andere Vorsilben als für „gelandet“ oder „gestartet“. Ich lernte schließlich, dass im sechzehnten Jahrhundert der Monat April noch „lzykwiat” [zu übersetzen etwa mit „Flunkerblume“] hieß, und dass wir Menschen im Polnischen nichts als zwei Hände im Dual haben. Auch Pinguine besitzen Dualohren, andere als der Milchkrug. Der Daruma, den mir Wolfgang von der Konferenz in Beppu mitbrachte, starrt mich mit zwei leeren Dualaugen an, im Suppenteller hingegen schwimmen grammatikalisch zwei oder sieben oder achtundsiebzig Fettaugen.

Nach der Silvesternacht, die wir im dichten Schneetreiben und bestens gelaunt auf der höchsten Moräne über Danzig verbrachten, durchschlug mir Radek einen weiteren Grammatikknoten. Radek ist Romas Ehemann, und Roma ist die erste Person, die ich in Polen kennen lernte. Und die ich bis heute kenne. Roma und ich kennen uns länger als Roma und Radek, als ich und Wolfgang, als Roma und Ewa usw. Radek, Mathematiker wie Roma, ging mein Problem selbstverständlich logisch an.

„Das ist reine Mathematik”, sagte er, „und sie ist einfach. Ein Mensch weiblichen Geschlecht ist grammatikalisch eine Sache. So wie ein Vogel, eine Parkbank oder ein Baum. Ein Mensch weiblichen Geschlechts, eine sogenannte Frau kann grammatikalisch zur Person aufsteigen, falls sie einen geeigneten Partner findet. Als Partner kommen in Frage entweder ein Mensch männlichen Geschlechts. Oder irgendein Tier, auch männlichen Geschlechts. Wenn also eine Frau eine Grammatikallianz eingeht mit einem Hund (indem sie in der Vergangenheit mit ihm spazieren geht), dann werden beide sprachlich als männliche Personen behandelt. Die Frau bringt in diese Verbindung das „Personale“ ein, der Hund das „Männliche“.“

Die Autorität hingegen ist im Polnischen ein männliches, nicht personales Substantiv. Die Autorität ist im Polnischen grammatikalisch kein Mensch. Wir schauten ins Wörterbuch, die Polnischlehrerin und ich. Und überrascht stellten wir fest, dass die Erklärung gleich nach dem Doppelpunkt als erstes Synonym, als erste semantische Möglichkeit für „Autorität“ das Wort „Mensch“ nennt: „Autorität: Mensch, Institution, Doktrin, Schrift usw.” Ein gewisser Agrometeorologe aus Bydgoszcz, der vielleicht tatsächlich eine Autorität ist, erklärte vor der Presse, dass Blumen Temperaturschwankungen sehr schlecht ertragen. Ich ertrage Sprachschwankungen sehr schlecht. Im Fall von Temperaturschwankungen ziehe ich Wollstrumpfhosen an. Und mir wird warm ums Herz. Aber was soll ich überziehen bei lexikalischen Bedeutungsschwankungen, bei grammatischen Zweifeln oder syntaktischen Winterstürmen? Blumen frieren ohne Mützen. Pinguine frieren ohne Häuser. Blumen leiden, wenn nachts die Temperatur unter Null sinkt, tagsüber aber in der bleiernen Sonne stark ansteigt. Dies hat angeblich zur Folge, dass „tagsüber die Lebensaktivitäten der Pflanzen geweckt werden, die Nacht diese Prozesse aber wieder zurückdrängt.“ Die Blumen befinden sich dann in einem Antievolutionsstadium. Der Baum, der über mein Zimmer unter dem Dach hinausgewachsen ist und im Herbst alle seine ungenießbaren Früchte auf mich abgeworfen hat, droht mir schon seit längerer Zeit mit Knospen. Mit feuchten und leidenschaftlich ungeduldigen Fäusten.

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Kwiatonowice. Ich nahm Abschied von den überzuckerten Unteren Beskiden. Sowie von Magda und Kasper. Vorübergehend, versteht sich. Nichts blühte. Der April mit seinen Flunkerblumen war noch weit. Kasper und ich überprüften den Index für ein Antonymwörterbuch. Von „agogika” bis „quasi”. Für mehr reichte die Zeit nicht. Wir überprüften nicht die Wörter. Deshalb weiß ich nicht, wie das Antonym von „agogika” lautet, oder das von „quasi”. Wir überprüften nur die Seitenzahlen, auf denen das betreffende Wort auftritt. Zusammenfassend kann ich sagen, dass mein Hörverständnis ausgezeichnet ist. Kasper las die Zahlen (insgesamt ungefähr 14 639), denn ihm kamen sie eindeutig schneller von den Lippen, während ich auf Richtigkeit und Druck (gerade, fett, kursiv) achtete. Der Buchstaben „ó” hatte nur zwei Einträge: „ów” und „ówczesny”. Am meisten Wörter gab es unter „n”. Alle Verneinungen fangen an mit „nie-“. Sie setzten sich sofort in meinem Nacken fest. Plötzlich hockte der ganze verneinte und nicht verneinte Kosmos der polnischen Sprache mit all seinen eigensinnigen Zahlen (175 sto siedemdziesiat piec, 313 trzysta trzynascie, 777 siedemset siedemdziesiat siedem ...) auf meinem Rücken. Er drückte schwer auf die Wirbelsäule, bis hinunter zum Steißbein. Für immer krallte sich zum Beispiel das Wort „prowodyr” fest. Und „orli (nos)” – sic! Der Buchstabe „c” versammelte auch nur drei Ausdrücke unter sich: „cma“, „cpac“ und „cwiercinteligent“.

Ich kehrte nach Berlin zurück mit der ungelösten Frage im Kopf, ob das Antonym von „cwiercinteligent” [der Viertelintelligenzler] „Halbintelligenzler“ oder
„Achtelintelligenzler“ heißt. Leider ist mir auch nichts bekannt über die Fußnoten. Noch von den Verweisen.

© Judith Arlt 2007

 

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