Judith Arlt  

 

Herzlich willkommen!

 

Aktueller Blog:
Am Wattenmeer

Blog Krakau

Blog Beim Erzengel

 

Neue Texte

Kurzvita

Bibliographie

Links

 

 

 

 

 

 

Email: ja@juditharlt.de

 Last updated: 01/2008

NEUE TEXTE

 

Auszug aus dem Roman „Zu Fuß auf den Haleakala“

Vor mir liegt die Innenstadt. Finsternis. Das Schiefe Eck ist geschlossen. Nutten und Taxifahrer haben Feierabend. Es muss früh sein. Der neue Tag bricht an. Deshalb schlägt keine Uhr mehr. Auch die Zeit schläft. Die Brücke. Also der Rhein. Endlich. Am kleinbaseler Brückenkopf das achtlos hingeworfene Gepäck der Helvetia - und sie selbst. Schweigend, wie immer, sitzt sie auf dem Sandsteinpfeiler, das eine Knie angezogen, den Ellbogen auf das Knie, den Kopf auf die Hand gestützt. Erschöpft und nachdenklich. Ich lehne mich an sie, schiebe ihren Mantel zur Seite. Sie blickt stur rheinabwärts. Die eiserne Toga fällt in kalten Falten von den breiten Schultern. Maman wird bald sterben. Erzähle ich ihr. Ein glasklarer Gedanke in der Nacht. Eine unerwartete Einsicht. Sie ist nicht alt. Aber krank. Der Preis für die Freiheit damals ist die Krankheit heute. Ich versuche seit Jahren, erzähle ich der Bronzefrau, ihr zuzureden. Sie loszuschicken. Zurückzuschicken. Wie ein Paket an den Absender. Wenigstens für ein paar Tage. Vorübergehend. Nach Hause fahren. Sie brauche ja nicht zu bleiben. Aber sie könnte Krakau sehen. Riechen. Die Paradiesstraße. Das alte Haus, in dem wir nach dem Krieg kurze Zeit wohnten. Ich habe nichts mehr gefunden, vor sechs Jahren, am Bahnhof, auf dem Marktplatz, in den Gassen, nichts, was mich an irgend etwas erinnert hätte. An meine Kleinkindzeit. Die ich, wie Maman meint, im geschützten Hof hinter dem alten Haus verbracht haben muss. An mich selbst. An ein Gehenlernkind. In Omas Armen. Oma Mira. Keine Bilder. Keine Farben. Keine Stimmen. Nichts. Kam wieder. Aber ich bin sicher, für Maman hätte sich der Himmel geöffnet. Sie hätte bloß einmal tief Luft holen brauchen und wäre gesund gewesen. Umgeben von Gerüchen und Straßenecken. Es gibt Dinge, die weder der Krieg noch die Kommunisten zerstören konnten. Auch der Kohlenstaub aus der Hütte nicht. Die natürlichen Verwitterungsvorgänge. Das Wesentliche bleibt immer. Die Seele ist treuer als man denkt. Das Gedächtnis holt Glücksmomente zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zurück. Heilt verschütt gegangene Herzen. Was kein Chirurg vermag. Kein Skalpell. Kein Morphium. Keine Bestrahlung, keine Chemotherapie, keine Kunsthaarperücke. Maman hätte in dem alten Haus Ruhe finden können. Und nicht sterben müssen. Noch lebt sie. Weist mich der kalte Bronzerücken zurecht. So darfst du nicht denken. Sie ist nicht tot. Irgendwann ist alles zu spät. Rechtfertige ich meine Gedanken. Dann sind die Muskeln geschwunden, sitzt das Rheuma in allen Knochen, der Star in beiden Augen. Ohne Unterschrift geht heute nichts mehr. Vorwärts. Eine Reise. Ein Aufbruch. Eine Heimkehr. Ihre Resignation. Die Entscheidung im Exil zu bleiben, das seit Jahren keines mehr ist. Das bedeutet, dass die Hoffnung jahrzehntelang umsonst genährt wurde. Wenn jetzt im Nachhinein auf die Heimat leichthin verzichtet wird. Als hätte es sie nie gegeben. Wird sie abgeschrieben. Finanztechnisch entwertet. Wie ein Stück Möbel oder Elektronik. Gefühle kühlen aus. Sehnsüchte erkalten. Der Mensch stirbt schneller. Wenn er keinen Platz mehr auf der Welt hat. Wie hier der Flughafen. Und der Bahnhof. Resignation beschleunigt die Vergänglichkeit. Nicht der Krebs, der die Knochen frisst. Ich klopfe der stummen Helvetia auf die Schulter, à bientôt, und überquere langsam die Straße, will auf der linken Brückenseite über den Fluss gehen, in die Große Stadt hinein. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Das Wasser zieht unter mir hinweg, eine unbarmherzige Strömung. Die Studentinnen, die mich am Flughafen abholten und zum Rheinsprung brachten, erzählten auf dem ersten kurzen Spaziergang, dass im Mittelalter von dieser Brücke liederliche Weiber und Kindsmörderinnen gefesselt in den Rhein geworfen wurden. An der Stadtmauer beim St. Johannestor hätten die Henkersknechte die "Geschwemmten" wieder aus dem Fluss gefischt. Denn nicht einmal als Wasserleichen durften die Missetäterinnen über die Stadtgrenzen hinaus gelangen. Die Teufel hätten sie holen können. Und die Pest in die Stadt zurück bringen. Und weil viele dieser sogenannten Luder die Todesstrafe überlebten und damit den Beweis für ihre Hexerei am eigenen Leib erbrachten, wurde 1634 ein neues Henkersgesetz eingeführt: den Übeltäterinnen musste ab sofort der Kopf abgehauen werden. Die Sinne mussten ihnen geraubt werden. Aus den Henkersknechten wurden Genickbrecher. Blutbesudelte Schlächter. Ich spüre den starken Sog des Wassers auch auf dem Brückenpflaster. Wahrscheinlich, denke ich, hatten die Frauen überlebt, weil sie dem Schicksal und dem Großen Gott ergeben waren, sich treiben ließen. Sie konnten sich, gefesselt und geknebelt, auch kaum mehr wehren. Weder wild um sich schlagen noch hysterisch schreien. So blieb ihnen die Luft zum Atmen in der Lunge. Und die Kraft in den Beinen. Das Leben im Gehirn. Sie überließen sich dem Flusslauf. Drehten sich gelangweilt auf den Rücken. Das gelingt auch mit zusammengebundenen Hand- und Fußgelenken. Wollten noch einmal den Himmel sehen. Die Sonne. Das Licht. Die Augen waren nicht verbunden. Der Knebel zwischen den Zähnen. Sie konnten atmen, durch die Nase. Ich muss Elle anrufen. In dem winzigen Häuschen drüben. Von meinem Fenster aus sehe ich am Morgen den Fluss. Mein aktualisiertes Fenster. Die Lücke in der Uferbebauung. Ungewöhnlich. Ein Loch. Ein Keil. Ich muss ihr sagen, wie sehr ich sie vermisse. Wie schwer es auszuhalten ist. Die wenigen Tage in diesem kleinen Land. Und dass hier eine eiserne Lady, la femme de fer, sitzt, die ihr gefallen würde. Warum sie nicht mitgekommen sei? Ein leichter Stich. Der Vorwurf in später Nacht. Sie wird ihn verkraften. In der Früh, besänftige ich sie, fällt die Sonne auf mein Bett. Ich bin in der Mitte der Brücke angekommen. Beim unaussprechlichen „Chäppelijoch“, der Brückenkapelle. Eine Andachtsbank. Ich höre das Lachen der Studentinnen. Stein, schon wieder Stein. Ich beuge nicht die Knie zum Gebet. Setze mich hin, strecke die Beine aus, lege den Kopf an das Geländer. Kälte schießt in die Schenkel. In den Nacken. Über mir ein sternenlos finsterer Himmel.
„Mumpitz!“
Ein Wort aus der Theateraufführung. Die Gummiwulstdichtung an den Enden der Schnellzugwagen. Das Wort wurde so oft wiederholt, wie der nie zu Ende gebrachte Satz im Radio.
Jeder Mensch spricht hier seine eigene Sprache und niemand stört sich daran. Der Rhein rauscht. Wie die Weichsel in Krakau. Ich sehe die hohen Wawelmauern. Die Ecke. Im inneren Königshof. Wo sich Touristen aus aller Welt tummeln. Warum der Regisseur sagte, ins Ausland fahre praktisch niemand mehr. Das kann nicht die ganze Wahrheit sein. Alle wollen den akustischen Zauber hören. Und sich die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche wünschen. Die Mauern speichern alles. Wüstes und Schönes. Liebe und Hass. Denn ihnen steht es nicht zu, zu richten. Über mörderische Gedanken. Irgendwann werden sie genug haben. Dann platzen die Steine auf. Erosionsprobleme. Wird man sagen und schädliche Umwelteinflüsse. Denkmalschützer verpflichten. Mauerärzte. Steinmetze. Sandsteingebläse. Fäustel. Klöpfel. Schwere Flächeneisen. Scharriereisen. Hier sind Kindsmörderinnen in die Fluten geworfen worden. Dort drüben hockt eine mythische Übermutter. Mit dem Rücken zur Heimat. Schaut flussabwärts. Begleitet Säuglingserstickerinnen auf ihrem Weg. Die Kindsmörderinnen, Giftmischerinnen, Alptraumjägerinnen. Die Mutter Helvetia. Läßt symbolisch ungerührt zu, dass Blut fließt. Köpfe rollen. Auch die Polen haben einen Namen für ihre Allegorie:
Matka Polka - Mutter Polin. Oder Matka Boska - Mutter Gottes. Was ein und dasselbe bedeutet. Die Mutter Polin und die Mutter Gottes. Die Polin als Stellvertreterin Marias. Und umgekehrt. Maria als Polin. Unbefleckte Mutter. Makellose Mutter. Körperlose Mutter. Kopflose Mutter. Haut- und Haarlose Mutter. Keine Hure. Keine Mörderin. Keine Verführerin. Ein ätherisches Wesen. Nur der Papst steht in Bronze gegossen vor fast jeder Kirche des Landes und verteilt seinen halsstarrigen Segen. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo eine Matka Polka gesehen zu haben. Gusseisern, überlebensgroß, zur antiken Gottheit stilisiert oder als moderne Frau, im Hosenanzug, am Brunnen vor dem Tore oder neben dem Sandkasten, am Boden, auf dem Kinderspielplatz. Die Weichsel, der polnische Rhein. Wie viele Weichselbrücken gibt es? Ich frage morgen den Kartographen. Und denke an den Rollfeldgänger. Denn Brücken sind Teile der Landschaft. Brückenköpfe Wohnungen mythischer Übermütter. In Polen zieren alle Wege Heiligenbildchen. Der leidende Christus am Kreuz. Die weinende Mutter am Grabe. Muttergotteskapellen, die schwarze Madonna, die weiße Madonna, plastikrosenumrankt. Über das ganze Land ausgesät. In allen Häusern, Zimmern, Schulen, Kirchen, an jeder kleineren und größeren Straßenkreuzung, in den Vorgärten und auf den Waldwiesen, wachsen, blühen, wuchern sie das ganze Jahr über, trotzen Wind und Wetter. Bunte Kunststoffblumen und katholische Hinterglasmadonnen. Nur die Brücken blieben verschont. In dem Land, das eigentlich meine Heimat ist. Über das ich nun staune. Weil es so unaufhaltsam ist. Wie das Wasser. Die Flüsse. Das Fließen. Die Bewegung.
„Chabis!“
Wieder ein Wort aus dem Übersetzfenster. Ich stehe auf, starre ins Wasser hinunter. Die Bewegung beruhigt. Die Energie regt an. Und in Paris, rufe ich ihr zu, in den abfahrenden Zug hinein, in ganz Frankreich steht die barbusige Marianne in allen Rathäusern. Jeder Bürgermeister hat das Recht auf eine Marianne. Sie gehört zum Inventar der Amtsstuben. Mit Jakobinermütze. Sie wird regelmäßig für die Männer der Politik erneuert, aktualisiert,
updated. Um die Beamten des Landes bei Laune zu halten. Nach Brigitte Bardot und Cathérine Deneuve durfte die korsische Schönheitskönigin Laetitia Modell stehen. Elle konnte sich nicht mehr beruhigen. Kennen Sie Elle? Sie las alles darüber. Sog alles in sich hinein. Um ihren Aufruhr zu bestätigen. Fanatisch. Süchtig. Gierig. Sie ist nicht katholisch. Auch nicht protestantisch. Glaubt überhaupt an keine Institution. Sie interessiert nur das Bild der Frau in der Gesellschaft. Auf einen einfältigen Nenner gebracht. Und ihrer Meinung nach besitzen die französischen Rathausbüsten - im Gegensatz zu fahnenschwingenden Freiheitsstatuen, wie der Bierfestwies'n-Bavaria, der Britannia oder auch der Helvetia dort drüben – „handgreiflichen Index-Charakter“, sind „ikonische Inkarnationen“ durch populäre Filmstars, magersüchtige Models oder skandalträchtige Tierschützerinnen. Nichts von griechischer Allegorie, vollbusiger Symbolik, einem gebärfähigen Becken, versteckt unter wallenden Eisengewändern.
„Mumpitz!“ „Chabis!“
Überdeutlich. Scharf. Zurechtweisend.
D’accord, d’accord ... Ich gehorche. Drehe mich um. Gehe jetzt nach Hause. Ich verlasse das Flussbett. Steige links den steilen Rheinsprung hoch, gelange in eine verwinkelte, enge Bergwelt hinein. Bestimmt kommt hier den ganzen Winter keine Sonne hin. Vor der Tür des kleinen Fachwerkhauses suche ich den Schlüssel. Mit dem roten Plastikanhänger. „Uni Basel, Haus 26“. Das Licht aus dem Schaufenster der Condomeria im Erdgeschoss erleuchtet schwach den Gebirgskamm. Kunterbunte Penisse hängen lustlos von Felsvorsprüngen. Die Treppe knarrt. Das Schloss klemmt. Die Höhle will mich nicht. Ich versetze der Tür einen heftigen Tritt. Sie gibt endlich nach.

© Judith Arlt 2008     

 Witam serdecznie!

 

blog aktualny:
Przy Wattach

blog Krakow

blog Pod Aniolem

   

nowe teksty

notka biograficzna

bibliografia

linki

 

 

 

 

 

 

 

Email: ja@juditharlt.de

Impressum