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 Last updated: 01/2008

NEUE TEXTE

Fraudeckung

Ihr Blick trifft mich kalt. Sie steht mir auf dem Platz gegenüber. Ich verstehe. Wir kennen uns von früher. Sie hat es auf mich abgesehen. Nur auf mich. Das war schon immer so. Nicht erst heute. Nicht erst hier. Nur trennten sich unsere Wege vor vielen Jahren radial. So dass wir uns nach den Gesetzen der Geometrie nie wieder hätten begegnen sollen. Aber der elektronische Routenplaner schickte mich heute früh am Schottentor in die Tram 44. Ich wollte mir auf dem Gersthofer Friedhof ein bisschen die Beine vertreten. Zeit scheint hier ausreichend vorhanden zu sein. Tote interessieren mich mehr als Lebendige. Das Suchsystem nimmt keine persönlichen Wünsche an. Ich liebe unaussprechliche Namen und wählte die Czartoryskigasse. Ihre Eingabe ist ungenau, sagte der Touchscreen, bitte wählen Sie aus der Liste. Dann erlosch er und reagierte auf keine weitere Berührung. Netzausfall. Es gibt zu viele Ortsunkundige. Mit der Schnellbahn hätte ich mein Ziel nicht verfehlt. Ich wagte aber nicht, dem Routensucher zu widersprechen. Ich fand einen barrierefreien Zugang zur Tram 44 und fuhr bis zur Endstation. Vielleicht hatte ich mich vertippt, oder mein Straßenverzeichnis ist veraltet. Straßennamen sind zeitlich befristet. Ganze Städte, Länder oder Kontinente verlieren irgendwann ihr Gesicht. Schuld daran sind Blitzeinschläge, Vulkanausbrüche oder andere Kriege. „Der kürzeste Fußweg führt quer über den Sportplatz“, erklärte mir der Tramführer. Er hatte Pause und rauchte im Stehen. Ich musste den Sportplatz mehrmals umrunden, bevor ich auf das offene Tor stieß. Es war der Spielereingang. Oben an der Treppe stand unser Coach und schickte mich in die Umkleidekabine. Er schien erleichtert, sagte aber kein Wort. Mit der 10 auf dem Rücken bin ich jetzt auf dem Platz. Ihr gegenüber. Erinnerungen sind nur Spaßvögel. Sie schlagen Purzelbäume, tollen herum, ufern aus, verbreiten sich über ganze Küstenstreifen und sind schon nach der nächsten Flut spurlos verschwunden. Sie kommen und gehen, wann immer es ihnen passt. Das Vergessen hingegen steckt im Singular. In der Gegenwart, im Stau einer Ausfallstrasse am Abend. Es ist schmerzfrei wie ein Blitzschlag. Über all die Jahre, es mögen an die dreißig sein oder mehr, verhielten sich meine inneren und äußeren Organe untadelig. Weder vermisste ich sie, die nun vor mir steht, noch verschwendete ich einen unnützen Gedanken an sie. Alles schien perfekt. Eine saubere Lösung. Nach Ostern war sie weg. Angeblich nach St. Pölten verzogen. Aber ich war schon Anfang Oktober nicht aus Debrecen zurückgekehrt. Und heute, es ist Donnerstag, der 18. Mai, kurz nach 18 Uhr, die erste Halbzeit ist kaum angepfiffen, der Mond steht noch nicht am Himmel, bin ich, gehetzt von ihr, bereits außer Atem. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ein Spielfeld in Wirklichkeit so endlos ist. Keuchend hoffe ich, dass sie schon Großmutter ist oder Mein Leid am Mittwoch gelesen hat. Gedankensprünge bringen auf dem Rasen keine taktischen Vorteile. Ich kenne weder die Rede noch die Regel. Ich merke nur, dass sie wendiger ist als ich. Routinierter. Besser trainiert. Ausgeglichener Eiweißstoffwechsel. Freigelegte Hüftknochen. Jede Zuckung der Gesichtsmuskulatur einstudiert. Nichts lässt sie an sich heran kommen. Nichts gibt sie preis. Sie hat sich unter Kontrolle. Und sie hat auch mich unter Kontrolle. Sie kreist mich ein. Ihre Lippen kräuseln sich zu einem kaum merklichen Lächeln. Ich erschrecke. Sie kann meine Gedanken lesen!

„Labdarúgó-mérközés!“ schreit mir Imme aufgebracht zu. Imme ist meine Verstärkung und sitzt auf der Ehrentribüne. Ich bin kurzsichtig, mein Gehör ist geschärft wie bei allen Sehbehinderten. Immes Stimme schneidet wie ein Seziermesser. Frisch ausgelegter Rollrasen. Füße. Ball. Ihren Anweisungen folge ich auf jede erdenkliche Entfernung. Ohne Widerspruch. Sie liebt Einwortsätze. Und die flössen mir Vertrauen ein. In jeder Sprache. In jedem Land. In jeder Lage. Imme kommt aus Sizilien. Dort kennt niemand überflüssige Wörter. Fußballspiel. Keine Lippenbekenntnisse. Links außen. Freistoß. Verwandlung. Eckball. Ich verstehe. Ich spiele für Ungarn.

„Ablak - Zsiráf!“ dröhnt Immes Stimme in meinem Ohr. Imme sieht, dass ich nicht bei der Sache bin. Ich stocke. Hebe den Kopf. Sie vor mir. Mit mir. Synchron wie ein Spiegelbild. Vergeblich suche ich einen Ausweg. Der Mittelstürmer der Gastgeber humpelt gerade vom Platz. Das Wort „Oberschenkelzerrung“ kommt aus vielen Lautsprechern. Das Radio ist auch hier. Mit dem Stürmer verlassen ganze Scharen altertümlich gekleideter Figuren die Zuschauertribüne. Ich kann gerade noch Judith Katz und Leo Singer zuwinken. Das Spielfeld scheint plötzlich leerer und noch größer geworden zu sein. Die Uhr über der Ehrentribüne zeigt unentwegt die elfte Spielminute an. Ich habe an Bodenhaftung gewonnen. Sie belauert mich nach wie vor. Ich versuche, die Einsichten für mich zu behalten. Wenn Schriftsteller Fußball spielen, sitzen ihre Kinder auf der Tribüne und feuern sie an. Alle Haupt- und Nebenfiguren, die all- und unwissenden Erzähler, alle poetischen, verträumten oder eingebildeten Schwätzer, ganze Heerscharen von Statisten, Handwerkern und Bühnenbildner. Immes Verweis auf Péters Revolutionsalphabet. Ein Pfeilwort. Im Lexikon des zwanzigsten Jahrhundert. Von A wie „ablak“ bis Z wie „zsiráf“. Weder Zoogiraffe noch Ausguckloch. Eingewechselt wird endlich der Dialektübersetzer und die Uhr fängt wieder an zu laufen. Wie wir, die Spieler. Wie der Ball. Wie die Radio- und Fernsehaufzeichnung. Auf der Tribüne hat Mani Matter Platz genommen. Er wirkt etwas durchsichtig. Ich kriege keinen Ballkontakt. Sie deckt mich. Ihre Laufbereitschaft ist extrem hoch. Aber es mangelt ihr an Intelligenz, ein Aufbauspiel einzuleiten. Sie hat es nur auf mich abgesehen. Wo ist ihr Gefolge? Wo sind ihre Leitsätze, ihre selbständigen Veröffentlichungen? Überall gibt es Vergabekriterien, Formblätter und Altersbeschränkungen. Sie attackiert mich mit einem vollständigen Satz: „Dies ist der älteste noch bespielte Fußballplatz Österreichs.“ Er verfehlt seine Wirkung nicht. Historische Recherche. Fehlerfreies Deutsch. Imme stärkt mir den Rücken: „Hól van a labda?“ Ein gut lancierter Angriff vom Tränengaukler. Druckvoll weitergeführt über das Seitencouloir. Die Kamera vollführt eine wunderbare Busfahrt. Das Bekenntnis eines Lemuren bietet einen brauchbaren Ball. Ich umkurve meine Deckung. Sie zieht ihr Notizbuch hervor. Sie kann sich ein Leben ohne das aufgeschriebene Wort nicht vorstellen. Die Gier treibt sie, mich der Verstand. „Du hast hier nichts zu suchen“, rufe ich ihr zu und schiebe ein. Der Torwart sieht im Gegensatz zu ihr friedliebend aus. Seine Katze Pauline verzieht sich bekümmert in die andere Ecke. „Dies ist ein Freundschaftsspiel!“ Die Ehrentribüne tobt. Ein harmloser Distanzschuss. Der Vater von Tscho liegt im Dreck, er tut mir leid. Abspiel. “A labda kint van.” Immes Stimme kann auch beruhigen. Kurze Verschnaufpause. Dies ist mein erstes Fußballspiel. Sie steckt den Stift in die Oberarmtasche zurück. Küchentische verwandeln sich mitunter in Kriegsschauplätze. Mein Winter war Dauerfrostreich. Dies ist eine alte Rechnung. Der Linienrichter Márton friert, wenn er uns sieht. Sie bedrängt mich. Ich nenne sie dennoch nicht beim Namen. Damals hatte sie beharrlich behauptet, auch unsere Beine würden schwitzen. Nicht nur die Füße, Hände, Achseln oder Brüste. Erst heute verstehe ich diesen Imperativ. Ich bin mehrmals die Donau auf- und abgefahren. Ich habe Radfahrerwaden. Niemand ist gefeit gegen die Auswüchse seiner eigenen Phantasie. Auch Picasso sah hin und wieder rot. Meine Kollegen liefern sich eine Kopfball-Stafette. Das Spiel steht bereits 0:5. Die Zeit läuft für uns. Ob ich mitlaufe oder nicht. Ich musste nur den Anstoß geben. Die Linksaußenverteidigerin wird nervös. Immes Stimme gibt keine Ruhe: „Röviditesszotar!“ Standortbestimmungen sind heutzutage meist überflüssig. Jedes Land hat seinen eigenen Andy Warhol. Ich selbst habe keine Nationalität. Abkürzungen sind Chiffren wie Buchtitel oder Dialogfetzen. Auch Kitsch kann unwiderstehlich schön sein. Abpfiff.

* * *

Du suchst das Duell. Sie steht dir auf dem Platz gegenüber. Du wartest. Seit fast dreißig Jahren. Nur auf diese Gelegenheit. Du hast dich ordnungsgemäß beworben. Es war nicht einfach. Für diese Linksaußenposition. Für die Abwehrarbeit. Nicht nur erfülltest du keine der Voraussetzungen. Du bist auch kein Verbandsmitglied. Aber du machtest erschwerte Umstände geltend. Kindheit im Exil. Internat am Genfersee. Frühe Mutterschaft. Quotenfrau. Von der Kosmetikberaterin über die Werbetexterin zur Vertriebsleiterin eines international renommierten Journals. Jetzt befindest du dich auf dem zweiten Bildungsweg und bist zum dritten Mal in Folge mit einem Österreicher verheiratet. Der Schriftsetzer ließ sich davon nicht beeindrucken. Keine bibliographischen Daten. Es gibt zu viele Zuschussverlage. Mit einer Reiseschreibmaschine hättest Du nachts feminine Eifersuchtsprosa produziert. Du wagtest aber nicht, den natürlichen Lichtspielen zu widersprechen. Nach der Kaffeepause suchtest du telefonisch Kontakt zur Sekretärin. Vielleicht hattest du dich im Datum geirrt, oder der Ansprechpartner war in Wirklichkeit auf Vortragsreise und ließ sich durch einen Praktikanten vertreten. Laufbahnen sind zeitlich befristet. Ganze Gesetzestafeln, Alphabete und Sprachen verlieren irgendwann ihre Konturen. Schuld daran sind Erdrutsche, Kalkablagerungen oder andere Feinstaubemissionen. „Alle Angaben ohne Gewähr“, erklärte die Sekretärin, schluckte leer und schickte dir die Spielerliste als pdf.Datei im Anhang mit. Das Programm zum Öffnen der Datei kann kostenfrei aus dem Internet heruntergeladen werden. Es wird empfohlen, die Einstellungen am Heimcomputer so vorzunehmen, dass verborgene Textteile auf dem Bildschirm farblich hervorgehoben erscheinen. Hinter der Nummer 10 fandest du ihren Namen rot markiert. Jetzt gab es für dich kein Abrücken mehr. Von ihr. Das Spiel ist vielseitiger als das Training. Du empfindest sie tatsächlich als Berührungsreliquie, willst an ihren Sprachschöpfungen teilhaben, preist die Gunst der Reproduzierbarkeit des Wortes. Wolkenbrüche kommen und gehen, wann immer es ihnen passt. Unwetter hingegen dräuen am Horizont oder über dem Suppentopf. Gewisse Dinge lassen sich bei Mahlzeiten nicht verhindern. Nach dem Stuhlgang ist meist alles vorbei. Du hast schließlich drei Bestseller in Strasshof herausgebracht. Unterhaltungssonnenbänke für Frauen wie dich. Dem Wort ist das Wetter wehrlos ausgeliefert. Nicht einmal die Phytotherapie half weiter. Weder konntest du sie, die nun vor dir steht, vergessen noch in einem Handstreich enthaupten. Alles schien umsonst. Du kennst Ernst, dein Leben, bereits seit April. Trotzdem behauptest du, nie Träume oder Illusionen gehabt zu haben. Schon die Mädchen in deinen Schulaufsätzen schlüpften aus den Schuhen, bevor ihre Blusen knisternd zu Boden glitten. Und heute, es ist Donnerstag, der 18. Mai, genau 19 Uhr, die zweite Halbzeit ist soeben angepfiffen worden, die Sonne steht noch immer am Himmel, läufst du ihr konsequent in die Beine und in die Arme. Nie hättest du dir vorstellen können, dass ihr früh ergrautes Haar dich so unendlich betört. Du hast dich gut vorbereitet und alles von ihr gelesen. Sie schreibt wie die Ahnen ohne Seufzer. Um ihre Texte zu verstehen, schlägst du Sachwörterbücher auf. Mit dem Fingernagel gräbst du Wortsinngrenzen ab. Scheibenwischer. Verwerfungsfläche. Augenwasserweiden. Symmetrische Kristallisationsschweife. Substantive schließen selbsttätig. Wie die Türen eines Hochgeschwindigkeitszuges. Zeigen Zerrungsrichtung und Scherungsdeformationen auf. Du kennst drei Kategorien der Wortbildung: Nomen actionis, Nomen acti und Nomen agentis. Du erschrickst. Sie meidet Abstrakta. Und verwendet nie Nomina propria!

„Orang-Utan!“ zetert deine innere Stimme. Sie sagt immer die Wahrheit und klopft an das Brustbein wie ein Specht. Du liebst den Wald, das perlende Glück im Schlafzimmer nach dem Pilzesammeln. Nach Ostern beginnen die Skiferien. Frisch präparierte Pisten. Fönfrisur. Sonnenbrille. So sieht jede Frau sturzgefährdet aus. Ihre Handrücken Altersfleckenfrei. Der Tanz am Abend. Der Kampf am Berg. In jedem Winter. Auf jeder Höhe. In jeder Gesellschaft. Deine innere Stimme stammt aus Prag und spricht kein Tschechisch. Vokativverleugnerin. Offensivverteidigerin. Rechts außen. Foulfreistoß. Spitzer Winkel. Flanke zur Mitte. Der Platz muss brennen. Sie ist stilsicherer geworden.

„Der Pfeil schnellt nicht von der Sehne!“ stichelt der Specht. Unbedingter Wille klingt anders. Du beißt dir auf die Lippen. Deine Kopfballstärke. Sie vor dir. Mit dir. Synchron wie ein Spiegelbild. Du blockst die Schüsse ab. Der Dauerverletzte hat sich bereits umgezogen und sitzt auf der Ersatzbank. Unter den Sportartikelherstellern tobt der Ausrüsterstreit. Die Stammspieler sind Leistungsträger. Sie ziehen an, was der Hauptsponsor einkauft. Geldquellen können sich als Retter oder Heuschrecken erweisen. Semantische Verfehlungen auf dem Rasen werden verschmerzt. Du ziehst ein gnadenloses Pressing auf. Dribbling auf dem linken Flügel. Seitenlinienläufe sichern die Vorwärtsbewegung. Schwerer als das statistische Orakel wiegen die Abseitsfallen und die Fehlpassquoten. Alle Fußballsachverständigen wissen, dass es ist wie im richtigen Leben: wenn du Sicherheit hast, traust du dir etwas zu. Deinem Verlangen nach einem Genferseetreffen war allein sie nicht nachgekommen. Ein Giftpfeil. Nach einem Vierteljahrhundert. Von A wie „Affentranger“ bis Z wie „Zipperer“. Versammelten sich alle ehemaligen Internatsschülerinnen bei Sonnenuntergang. Nur sie blieb ihrem Rinderhirten in der Puszta Hortobágy treu und schickte die Absage per Laufburschen. Dein Specht raste. Das Brustbein splitterte. Dein Lächeln aber blieb filmreif. Die Fotos der Feier sehen zeitlos aus. Auf die Erinnerungen fiel kein Schatten. Du schießt einen Bock nach dem anderen. Ihr Torinstinkt ist ausgeprägt. Beidfüssig bringt sie eine technisch hervorragende Leistung. Du suchst das Geschäft mit Sentimentalitäten. Du hast es nur auf sie abgesehen. Deine Ausflüchte mit Sehnenscheidenentzündungen. Du zeigst weder Teamgeist noch Flexibilität noch Ballbeherrschung. Überall ist Schnelligkeit gefragt, ein guter erster Pass. Sie zitiert aus der Sportberichterstattung: „Das Wesen der heimlichen Spielmacher.“ Der Hohn verfehlt seine Wirkung nicht. Wie damals am Genfersee. Wo du die Deutsche warst. Deine innere Stimme mahnt: „Maßflanke!“ Völlig freistehend hämmert sie den Ball unter die Latte. Du würgst den Specht ab: „Das Glück erkämpft man sich!“ Ein gut lancierter Angriff vom Wachauwettermacher. Druckvoll weitergeführt vom Nilfahrer. Deine Aufzeichnungen vollführen einen wunderbaren Seitenwechsel. Der Kontext bietet keinen brauchbaren Halt mehr. Deine Fassung marschiert vom Feld. Du raufst dir die Haare. Du hast es immer schon gehasst, blond zu sein. Die Wut treibt dich, sie das Kalkül. „Ich bin Mutter eines toten Kindes“, schreist du und verwertest aus gut sechs Metern. Der Torwart schwitzt. Pauline verschwindet kreischend. Sie kontert: „Für diese Verwandtschaftsbeziehung kennt keine Sprache der Welt ein Wort!“ Die Ehrentribüne tobt. Ein verdientes Eigentor. Gute Außenverteidiger sind auf dem Transfermarkt enorm gefragt. Abspiel. In die Mitte. Hochgradig ineffizient. Kurze Kranzniederlegung. Die erste Aussprache. Du drehst die Zeit zurück. Verdrehst Sachverhalte, argumentierst rabulistisch. Sie beherrscht die Technik der boshaften Rhetorik. Dies sind alte Geschichten. Sie mag sie nicht aufwärmen: „Ich bin ein Mensch, der nach vorne schaut.“ Du bedrängst sie: „Ich bin direkt nach der Zeugnisverteilung weggezogen“. Sie weicht beharrlich aus. Morgen würde sie mit allem, was sie besitzt in die ungarische Tiefebene zurückkehren, an den Rand des Beschreibbaren. Nicht nur das graue Haar, auch die bärtigen Beine und die hängenden Brüste. Du verstehst nicht, dass eine Frau sich so gehen lassen kann. Der Text kennt nur eine Richtung. Egal, wie viele Wörter, Sätze, Zitate und Abkürzungen sich in ihm versammeln. Keine Erzählerin ist gefeit gegen die Anfeindungen ihrer Figuren. Der letzte Punkt trifft immer ins Schwarze. Stehgeigen haben einen beschränkten Aktionsradius. Das Spiel steht bereits 2:8. Der Rahmen ist gesprengt. Der Leim vertrocknet. Du gehörst zu den Verliererinnen. Die Stürmerin gehorcht bis zum letzten Moment. Sie jagt einer Idee nach. „Literatenländerspiel“. Standortbestimmungen sind notwendig. Jedes Land hat seinen Bananenflankenkönig. Du selbst hast keine Vision. Modulhäuser sind die Alternative zu individuellen Wohnträumen. Auch Klonen und Kopieren kann unwiderstehlich schön sein. Abpfiff.

© Judith Arlt 2007

publiziert in: TOP 22, Teil III. the only way is up … Herausgegeben von Wolfgang Kühn. Wien, Edition Aramo 2007, S. 168-180

 

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