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 Last updated: 01/2008

NEUE TEXTE

Die Frau mit dem Grünen Hals

Ich bin Krankenschwester und arbeite im Children’s Health Center an der Good Hope Road in Washington DC. Sie haben mich zu einem Vortrag eingeladen. Mein Deutsch ist nicht gut. Mein Wortschatz klein. Wie Ihr Land. Ich bin nicht geübt im Schreiben, auch nicht im öffentlichen Vortragen. Seit über dreißig Jahren schreibe ich nur Krankengeschichten. Health records, wie das bei uns genannt wird. Gesundheitsrekorde. Tagesrapporte. Stundenprotokolle. Minutiöse Gewichtszunahmetabellen. Ich trage täglich ein, welche Medikamente wann verabreicht und wieviel Milliliter Flüssignahrung zugeführt wurden. Während meiner Arbeitsstunden. Was danach, oder davor passiert, halten meine Kolleginnen fest. Krankengeschichten sind die einzig vollständigen Geschichten. Sie werden rund um die Uhr geschrieben. An den Tagen oder Nächten, an denen ich nicht arbeite, habe ich mit Wörtern nichts zu tun, auch nicht mit Zahlen. Meine Freitage können auf jeden Tag der Woche fallen. Meine Arbeit kann zu jeder Stunde des Tages stattfinden. Ganz selten setze ich meine Unterschrift auf eine Karte mit vorgedruckten Glückwünschen. Zum Thanksgiving Day. Oder zu einem anderen Anniversary. Dann adressiere ich auch einen Umschlag und übergebe ihn am nächsten Tag, auf dem Weg zum Health Center, dem Post Office. Auf die Straße gehe ich sonst selten. Nach Johns Tod ließ ich mich auf die Intensivstation für Frühgeburten versetzen. Von John gibt es keinen health record. John war nie krank. In solchen Fällen werden nur die Leerstellen auf dem Totenschein ausgefüllt. Uhrzeit. Ursache. Unterschrift. Ein Schein ist keine Geschichte. Er kennt keine Spannung. Kein Fieber. Keine Kurve. Keinen Verlauf. Keine Reaktion. Keine Schmerzmittelresorption. Mit den Winzlingen auf meiner Abteilung spreche ich seither in der Sprache, die ich von zu Hause kenne. Eine Art Schweizerdeutsch. Das heißt, eine altertümliche Version eines Dialekts, der vor einem halben oder einem ganzen Jahrhundert vielleicht mit dem Berndeutschen verwandt war. Ich weiß es nicht. Ich war noch nie in Bern. Heute wird unser Dialekt nur noch in wenigen Weilern in den Buchsibergen gesprochen. Sagt mein Vater. In Spich, Oschwand und Ochlenberg. Ich kenne diese Orte nicht. Ich kenne nur wenige Buchstaben. Spich steht auf der registration number, auf dem Nummernschild meines Vaters. Mehr nicht. Für gewisse Dinge brauchen wir in Amerika keine Zahlen mehr. Das Auto steht in der Garage neben meinem Elternhaus in New Holland in Pennsylvania. Ich bin im Dutch Country aufgewachsen. Dort, wo die Amish People leben. Zu denen gehören wir aber nicht. Mein Vater war ein sogenannter Individualauswanderer. Er zog dorthin, wo die Versuchslabore seines Arbeitgebers standen. Deshalb ist mein Deutsch so schlecht. Sie verwerteten die Milch der Amischen Bauern. Und drängten diese eines Tages, Melkmaschinen zu benützen. Aus rationellen und hygienischen Gründen, Sie verstehen. Die Milch musste frischer, billiger und schneller geliefert werden. Seither stehen neben den Stallungen Windräder. Strom aus der Steckdose ist Teufelswerk, sagen die Amischen. Ebenso aufgeladene Batterien aus den Shopping Malls. Niemand bei uns zu Hause schreibt in der Sprache, in der wir sprechen. Es ist die Haussprache. Nicht die Schriftsprache. The spoken language. Not the written language. You understand? Die Hausschuhe („slippers“) haben auch in unserer Haussprache („Finken“, wie die Vögel) lexikalisch nichts mit dem Haus zu tun. Trotzdem werden sie nur im Haus getragen. Aus hygienischen Gründen. Die Krankengeschichten an der Good Hope Road werden amerikanisch geführt. Aus rationellen Gründen. Viele Mütter meiner kleinen Patienten kommen aus Indien. Oder Pakistan. Trotzdem weiß ich, dass Landkarten aus Missverständnissen bestehen. Die Amischen wurden einst aus der Schweiz vertrieben. Aus religiösen Gründen. Das ist lange her. Den Namen haben sie nach ihrem Begründer, Herrn Amman bekommen. Anfangs war es ein „nickname“, ein Übername, Spitzname, Spottartikel. Aber der ist geblieben. Sie kamen nicht aus Holland. In Holland bestiegen sie nur die Dampfer, mit denen sie den Atlantik überquerten. Das konnten sie in der Schweiz nicht. Die Schweiz liegt nicht am Meer. Das weiß ich aus dem Geographieunterricht. Ich kenne die Schweiz nur aus dem Fotoalbum meiner Eltern. Dort, wo sie eines Tages am Strand anlegten, bezeichnete man sie als Dutch People. Und das Land, auf dem sie sich niederließen als Dutch Country. Meine Wörter verhaspeln sich und die Sätze ziehen sich in die Länge. Linguistisch sind wir Alemannen. Auch Sie, die Sie hier versammelt sind. Ansonsten haben wir nichts gemeinsam. Die Amish People sind Anabaptisten, zu deutsch Wiedertäufer, und überhaupt überzeugte Traditionalisten. Ihre Kinder wachsen ohne TV, ohne gameboy oder computer auf. Die Frauen sind alle gleich gekleidet und gleich gekämmt. Die Männer übrigens auch, aber bei ihnen fällt es weniger auf. Sie leben in hermetischen Gemeinschaften. Niemand von außen kann dazu gehören. Sie zahlen weder Straßensteuern noch schicken sie ihre Söhne zur Army oder Navy. Die Buggies der Amischen, die Pferdehufe und die Eisenräder reißen den Asphalt auf. Ohne Auto, wissen Sie, ist man bei uns verloren. Aber die Amischen lehnen jede Art von Gewalt ab und kümmern sich nicht um das Gemeinwohl außerhalb ihrer Community. Sie heiraten nur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Gegen Inzucht und Schwachsinn helfen auch Antibiotika nicht. Ich bin Krankenschwester. Keine Erzählerin. Mein Vater war Käser und verließ die Schweiz, um in Amerika die Haltbarkeit von Milchprodukten zu entwickeln. Um Pasteurisierungsmöglichkeiten für frische Kuhmilch zu finden. Der Traum jeder Hausfrau, Mutter und Kinderkrankenschwester: nie mehr saure Milch. In der Schweiz interessierte sich niemand für so modernes Zeug. Kühlschränke. H-Milch. Joghurt-Butter. Also ging er, Paul. Auf eigene Faust. Das heißt, mit Johanna, seiner jungen Ehefrau. Sie hatte – keiner verstand, warum, am wenigsten ihr Vater – schon vor dem Krieg bei Pauls Großtante im „Kreuz“ in Herzogenbuchsee Englischstunden genommen. Lange bevor sie sich verliebten. Gekannt haben sie sich immer schon. In jener Gegend der Welt, in den Buchsibergen, kennen sich alle Menschen. Sagen meine Eltern. Lange bevor sie wussten, dass sie heiraten wollten. Well, Sie haben mich eingeladen, einen Vortrag zu halten. Über Tante Lina, die Großtante meines Vaters Paul und Englischlehrerin meiner Mutter Johanna. Mein Deutsch steht auf sehr wackeligen Beinen. Die Wörter können jederzeit abstürzen und alle Sätze mit sich in die Tiefe reißen. Alle nennen sie Tante Lina. Auch ich. Kürzlich habe ich ein Exemplar ihres Berichts von der zehnjährigen Weltreise bei ebay für ein paar Dollars ersteigert. Die deutsche Erstauflage. Mit einer handschriftlichen Widmung in dunkelblauer Tinte: „Dem lieben Martely. Von Tante Lina. Spich Noël 1907“. Sie setzte am Ende jeder Zeile einen Punkt. Die Amerikaner haben kein Gefühl für Zeit, geschweige denn für Fremdsprachen. Sie nannte sich selbst Tante Lina und unterschrieb mit Tante Lina. Punkt. Martely ist eine von uns. Eine der vielen Nichten. Obwohl Tante Lina, wie gesagt, eigentlich die Großtante meines Vaters Paul, also meine Urgroßtante ist. Pauls Großvater, mein Urgroßvater Jakob, war ihr Halbbruder. Wenn ich deutsche Verwandtschaftsbezeichnungen im Wörterbuch nachschlage, verheddern sich die Sätze ohne mein Zutun und sammeln wahllos Adverbialpartizipien ein. Jakob war der Erstgeborene aus einer ersten Ehe, Tante Lina die Jüngste aus einer zweiten Ehe. Sie stammen vom gleichen Vater ab. Wurden aber von verschiedenen Mütter geboren und gestillt. Ist das verständlich? Die erste Mutter starb bei der Geburt des letzten Kindes, als Jakob schon aus der Schule war. Und der Vater, der Bode-Ueli, nahm sich die viel jüngere Hausmagd zur zweiten Frau und machte sie bald darauf zur zweiten Mutter. Daran war nichts Anrüchiges. Das hatte schon Abraham getan. Damals ging das Leben nach dem Tod weiter. Frauen wurden begattet. Kinder auf die Welt gebracht. Zu früh Geborene überlebten nie. So entstand der Generationensprung unter Geschwistern bzw. Halbgeschwistern. Die zweite Mutter, Tante Linas Mutter Elisabeth, starb dennoch früh. Der Bode-Ueli nahm seine Jüngste, Lina, damals noch nicht Tante, aus der Schule und schickte sie ins Welschland. Er lebte bis ins hohe Alter allein. Verließ nie sein Heimetli auf der Oschwand. Bemalte Kachelöfen und Getreidesäcke. Sammelte Kräuter in den Wäldern der Buchsiberge, setzte sie mit selbstgebranntem Schnaps an und heilte damit innere und äußere Verletzungen. Einmal soll er zum Schreiner gerufen worden sein, der sich am Schleifrad die rechte Hand zerquetscht hatte. Ueli goss eine ganze Flasche von seinem Elixier über die blutenden Fingerfetzen und ließ den stöhnenden Mann aus einer zweiten trinken, soviel er wollte. Die Ärzte im Berner Inselspital lobten dann diese erste Hilfe sehr. Sie hätte dem Wundbrand wie ein Wunder entgegengewirkt. Tante Lina war nach der Rückkehr von ihren Reisen die einzige ausländisch sprechende Frau weit und breit. Obwohl sie damals im Jura, wie sie im Tagebuch festhält, nichts als ein „Brunnenfranzösisch“ lernte und „mehr Schläge erhielt als Unterricht“. Sie nahm jede Bauerntochter als Schülerin an, verlangte fünfzig Rappen pro Lektion. So kam auch meine Mutter, Johanna zu ihr. Sie erzählt, Tante Lina hätte zeitlebens „push and pull“ nicht auseinanderhalten können. Johanna war die Schönste. Auf der Oschwand musste sie dem Kunstmaler Cuno Amiet Modell stehen. Das ist kein Märchen. Ich bin keine Erzählerin. Ihre Schulfreundinnen waren eifersüchtig. Und deren Mütter Klatschbasen. Ihre eigene Mutter, meine Großmutter schärfte ihr ein, ja nicht hoffärtig zu werden. Dass ihr Gesicht in Öl gemalt an den Wänden von reichen Leuten im Ausland hänge, schimpfte sie, sei kein Grund, sich irgend etwas einzubilden. Mutter erzählt, dass sie einmal im Hochsommer im Garten der Amiets ohnmächtig geworden sei vom langen Stehen. Das sei immer eine langweilige und anstrengende Angelegenheit gewesen. Die Glieder wurden steif. Ameisenvölker zogen durch alle Muskeln. Wenn ihr unvermutet das Lächeln vom Mund fiel wie ein gelbes Blatt vom Baum im Herbst, sagt sie, dann fuchtelte Herr Amiet, sonst ein schweigsamer Mensch, zeternd in der Luft herum. Sie hätte immer so aussehen müssen, wie sein Bild. Da sie aber das Bild nie sah, das er von ihr malte, sondern stundenlang nur auf die Holzstaffelei und die genagelte Rückseite der Leinwand starrte, sei ihr das nicht leichtgefallen. In dieser Eintönigkeit sei sie dann eines Nachmittags umgefallen wie ein Waschbrett. Daraufhin hätte die Frau des Kunstmalers, die keine Kinder bekommen konnte, regelmäßige Sitz- und Trinkpausen verordnet. Sie kontrollierte fortan die Zeit unerbittlich mit einem schrillen Wecker. Beim Brand des Münchner Glaspalastes während der großen Kunstausstellung von 1931 gingen viele frühe Amietbilder, darunter fast alle Porträts meiner Mutter verloren. Großmutter hatte Recht behalten. Auch in Öl gemalte und mit Lack fixierte Schönheit ist vergänglich. Eines der wenigen Bilder, das noch existiert, hängt in unserem Wohnzimmer in New Holland. Es zeigt ein pausbäckiges Mädchen mit leuchtenden Augen und dicken, pechschwarzen Zöpfen. Wenn ich es ansehe, muss ich an meine winzigen Patienten im Health Center denken. Es ist meine Aufgabe, sie ins Leben zu bringen. Ihnen Augen und Lungen zu öffnen. I’m a nurse, as you already know, eine Krankenschwester. Und keine Geschichtenerzählerin. Sie haben mich eingeladen, einen Vortrag zu halten. Über Tante Lina, die nach ihren Reisen rund um die Welt 27 Jahre lang das Eckzimmer im zweiten Stock des Gasthofs „Kreuz“ in Herzogenbuchsee bewohnte. Sie kam zurück mit der Überzeugung, dass es zu Hause doch am schönsten sei. Das „Kreuz“ war das erste alkoholfreie Wirtshaus der Schweiz. Es diente nicht als Altersheim, sondern als Arbeiterinnenwohnhaus und Haushaltschule für Töchter. Tante Lina war die einzige ältere Pensionärin. Sie konnte sich diesen Luxus kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs leisten. Als Frau allein in einem Zimmer zur Miete zu wohnen. Bis an ihr Lebensende. Sie hatte genug Geld gespart und es gewinnbringend angelegt. Sie bezahlte das Zimmer immer für ein Jahr im voraus, 27 Jahre lang, jeweils am 1. Januar, 300 Franken. Die Miete wurde nie erhöht. Sie hatte so viele Jahre im Ausland verbracht, dass sie kein richtiges Schweizerdeutsch mehr sprechen konnte, erzählt mein Vater. Sie starb am Tag der Wintersonnenwende 1941. Zehn Jahre, nachdem in München die fröhliche Farbgebung der Wangen- und Augenpartien auf den Bildern von der schönsten Buchsibergerin mit dem Pechschwarz der Zöpfe verschmolzen, verkohlt und zu Asche zerfallen war. Über Tante Linas Zimmertür im „Kreuz“ prangte in riesigen Lettern der hawaische Gruß ALOHA, sagt Mutter und meint, Tante Lina habe nicht gerne genäht. Sie hätte ihr zu Beginn der Englischstunden abgesprungene Knöpfe annähen müssen oder Fallmaschen an den Strümpfen aufziehen. Wie Kinder. Sie fädelte ihr auf Vorrat Nähnadeln ein. Einen schwarzen Faden in die eine Nadel und einen weißen in die andere Nadel. Für alle Fälle. Falls unter der Woche eine Naht platzte. Ich kenne Tante Lina nicht, obwohl ich über sie spreche. Ich kenne nur die Fotos im Familienalbum. Und ihre Handschrift im Buch für das liebe Martely und in den Tagebüchern. Ich nenne sie trotzdem Tante Lina. Die Fotos sind schwarzweiß, vergilbt. Winzige Quadrate mit gezackten Rändern. Mittendrin steht sie, Tante Lina. Eine zierliche Frau mit spitzer Nase. Laut Signalement im Pass von 1928 war sie ein Meter achtundvierzig groß, hatte braunes Kopf-, Stirn- und Augenbrauenhaar, graublaue Augen und keine besonderen Kennzeichen. Sie ließ sich ungern im Profil ablichten und war meist seltsam angezogen. Trug riesige Hüte, im Sommer weiße Kleider. Sie ging bereits auf die Achtzig zu, als sie meiner Mutter die ersten Englischstunden erteilte. Da waren die Amietgemälde längst im Feuer aufgegangen. Trotzdem blieb ihr nichts verborgen. Sie wollte sicher gehen, dass Johanna, das jugendliche Modell des Modernisten Amiet, wie sie den Kunstmaler im Tagebuch titulierte, nicht charakterlos geworden war. Paul war ihr Lieblingsneffe. Denn er war der Jüngste. Wie sie selbst. Und wie ich. Paul war ein nicht mehr erwünschter Nachzügler. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Nicht im Tagebuch. Im April 1914 notiert sie: „In Spich traf ich Emma in Tränen, weil sie nach 11 Jahren wieder ein Kleines erwartet, was ihr so schrecklich zuwider scheint. Arme Kindlein, die ungewollt in diese Welt kommen und denen man nicht einmal ein freudiges Lächeln entgegen bringt“. Ende Juni, wenige Tage nach seiner Geburt, berichtet sie: „Heute war ich bei prächtigstem Wetter in Spich, um dem jüngsten Spross der Familie einen Besuch abzustatten. Der Kleine, welcher Paul heißen soll, scheint ein wahres Musterkind zu sein. Ich war von Mittag bis Abend dort und die ganze Zeit über hat er keinen Mucks von sich gegeben. Auch ist er groß wie ein Sechswöchiger, und scheint überhaupt alle Tugenden des neuen Weltbürgers zu haben.“ Sie wusste Bescheid. Ihr Neffe Paul war ein Weltbürger und die Schülerin Johanna eine fingerfertige Frau, der es nicht an Intelligenz mangelte. Sie selbst war nicht augenkrank. Ich bin Krankenschwester. Ich kenne mich auch mit Altersbeschwerden aus. Obwohl ich seit über dreißig Jahren auf der Intensivstation für PBB, prematurely born babies, Früh-, Spät- oder Nachtdienst verrichte. Sie wollte die Altersschwäche ihrer Augen mit der Unvernunft der allerersten Automobilfahrten erklären. Alle alten Leute packt irgendwann das schlechte Gewissen, Fehler im Leben begangen zu haben. Aber so richtig. Und nun dafür büßen zu müssen. Dabei verkennen sie die Kausalitäten. Auch wenn das Gedächtnis sonst noch gut funktioniert. Tante Lina hatte ihr ganzes Leben entweder gelesen oder geschrieben. Auch meine Winzlinge werden eines Tages so enden. Mit grauem Star und wunderlichen Hüten. Unsere Ärzte sagen, die jetzt geborenen Kinder, auch alle Frühchen, welche überleben, werden weit über hundert Jahre alt werden. Tante Lina begleitete zweimal amerikanische Freunde auf einer Automobilreise quer durch Europa. Sie war eine der ersten Mitfahrerinnen. Eine der ersten Reiseleiterinnen. Selbst steuern wollte sie der hohen Kosten wegen lieber nicht. Im Tagebuch können wir nachlesen, dass sie in Sorge war, das Autofahren könnte ihren Augen schaden. Trotz der Autofahruniform, die sie trug. Auch sie existiert nur noch auf einem Foto: Ein langer dunkler Ledermantel, Ledermütze, riesige Augenklappen und monströse Augengläser. Heute würde man das, was sie auf dem Foto im Album auf dem Kopf trägt, als Gasmaske bezeichnen. Und sich wundern, warum sie sich an einem sonnigen Sonntag in Amslers Garten so fotografieren ließ. Sie konsultierte ihren Augenarzt, klagte über Augenbrennen und mangelnde Tränenflüssigkeit, wollte sich neue Gläser verschreiben lassen: „Er hat mich sogar getröstet, indem er mich versicherte, dass meine Augen ganz gesund seien und dass die Schwäche nur vom Alter und großer Blutarmut herrühre. Dass das Automobilfahren den Augen schaden kann, glaubt er absolut nicht.“ Vor hundert Jahren war man mit fünfzehn, höchstens zwanzig Stundenkilometern unterwegs. John starb an meiner Seite vor über dreißig Jahren an der Ecke Penn Street – Montello Ave. Weil ein anderer mit mindestens sechzig Sachen frontal in unser Auto krachte. Die Sachen sind in Washington DC Meilen. Eine Meile ist mehr als ein Kilometer. Ich überlebte daneben. Kein Mensch versteht, warum. Jetzt bin ich ganz durcheinander geraten. Confused. Sie verstehen. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Amerika verlassen und bin über den Atlantik geflogen. Unterwegs, irgendwo in der Luft, oder auf dem Flug, wie es richtig heißt, mein Deutsch ist wirklich not perfect und meine Sätze schlingern wie auf Blitzeis, ich weiß nicht mehr, ob es Nacht war oder nicht, verlor ich Zeit und Zuversicht. Die Zunge ist hart geworden und die Kehle dürr. Darf ich um ein Glas Wasser bitten?

Es ist seltsam, von einem so kleinen Land zu einem Vortrag über Tante Linas Reisen um die Welt eingeladen zu werden, das selbst keinen Platz für einen Flughafen hat. Die Boeings würden an den Drei Schwestern zerschellen. Zu Tante Linas Zeiten gab es noch kaum Passagierflugzeuge. Ich bin in Zürich gelandet und Sie haben mich mit einem grauen Lexus abgeholt. In diesem Auto hätte John überlebt. Es ist mit Airbags ausgestattet. Zu seiner Zeit kannte man noch nicht einmal das Wort. Luftbeutel. Eine Tüte leerer, lebensrettender Luft. Die Schweiz kenne ich nur aus dem Fotoalbum meiner Eltern. So wie Tante Lina. Ich war erstaunt, dass die Grenze zu Ihrem Land nicht bewacht wird. Dass niemand Ausweise sehen will oder, eh man sich’s versieht, Fingerabdrücke abnimmt und Irismuster speichert. Ich frage mich nun, wo ich eigentlich hingeraten bin. Noch mehr wundert mich, dass hier Felsen am Horizont stehen und das Land abschließen. Den Himmel verkleinern. Das Sonnenlicht ausschalten. Ihr Land ist klein. Und überschaubar. Wie mein Wortschatz. Ich bin weder geübt im freien Fall noch im minimalistischen Denken. Die Drei Schwestern, ließ ich mir auf dem Weg ins Hotel erklären, bilden die Ostgrenze. Drei kahlgeschorene Gebirgsköpfe. Im Westen hingegen zieht der Rhein gemächlich durch die Wiesen gegen Norden. Er liebäugelt mit Ihren Kühen, die nur biologisch angebautes Gras wiederkäuen. Gleichzeitig bereitet er sein hinterlistiges Spiel vor. Erst kurz vor Sankt Goarshausen, weitab von der Idylle Ihres Landes, schwillt er an. Richtig böse wird er unter dem hohen Schieferfelsen, auf dem die Lore Lay ihr langes Haar kämmt und singt. Sie wartet vergeblich auf ihren Geliebten. Die deutschen Männer, allen voran Heinrich Heine, behaupten, ihr trauriger Gesang würde die Flussschiffer in den Tod reißen. Schuld an den Schiffbrüchen ist aber natürlich nur die Stromschnelle. Die Drei Schwestern, die den Himmel einengen und Schatten über Ihr Land werfen, haben weder Namen noch Haare noch eine Stimme. Sie besitzen nur das schwache Geschlecht und die Familienbande. Sie sollen, heißt es, an Maria Himmelfahrt Heidelbeeren gesammelt haben statt zum Hochamt zu gehen. Alliterationen auf den Buchstaben H sind heute hervorragend. Himmel und Hölle, hoch und heilig, heidelbeerblau, haarsträubend, herzlos, hartnäckig, Hirtentasche und Hodenhochstand. Mein Wortschatz muss erweitert werden. I love zusammengesetzte Substantive. Als Ersatz für das nicht zusammengesetzte Leben. John und ich hätten ein Vorzeigeehepaar abgegeben. Er Arzt, ich Krankenschwester. Ich wäre im Operationssaal geblieben, hätte mich vielleicht sogar zur Anästhesistin weiterbilden lassen. Er war Hirnchirurg und auf dem Weg zum Staatsexamen. Unser Termin auf dem Standesamt stand bereits fest. Er hätte den Kopfkranken ihren gesunden Menschenverstand wieder eingenäht. Und ich hätte ihm Nadel und Faden gereicht. Die Drei Schwestern wurden zur Strafe versteinert. Nach der einen Version Ihrer Legende auf dem Marktplatz von Feldkirch, wo sie die Beeren verkaufen wollten. Nach einer anderen auf dem Weg hinab ins Tal, als ihnen eine unbekannte Frau begegnete und um ein paar Früchte für ihr Kind bat. Die Drei Schwestern verhöhnten sie, sie hätten die Beeren nicht zum Verschenken gesammelt. Die eine Version behauptet, ein „Venediger Manndl“, ein „Goldmanndl“ hätte sie versteinert und mit dieser Tat sich selbst erlöst von einem teuflischen Fluch. Die andere behauptet, die Unbekannte am Berg sei die Jungfrau Maria höchstpersönlich gewesen und hätte die Schwestern versteinert, weil diese nicht nur ihren Feiertag geschändet, sondern auch kein Herz für Kinder gezeigt hätten. Ihr kleines Land grenzt an die Ausweglosigkeit. Auch Ihre Topographie besteht aus Fehlinterpretationen. Versteinerte Frauen gehen keinen Schritt mehr weiter. Denken Sie nur an Lots Frau. Die drei kahlen Gebirgsköpfe bilden heute die Grenzmarke Ihres Landes. Außerdem stehen sie genau auf der Demarkationslinie der Europäischen Union. Ich bin Krankenschwester. Ich verstehe nichts von Wirtschaftsräumen. Meinen winzigen Patienten, die todkrank sind, bevor sie zu leben beginnen, schildere ich meinen Alltag. Sie wollen mit Wörtern und warmen Fingerspitzen berührt werden. Also rede ich auf sie ein. Stunden um Stunden. Das ist meine Aufgabe. So wie die Lore Lay singt und singt. Wie der Dichter schreibt. Die zu früh auf die Welt gekommenen Wesen brauchen keine Märchen, keine Poesie. Ich bin keine Erzählerin. Ich liebe nackte Tatsachen und konkrete Abläufe. Wegweisungen. Navigationshilfen. Fernverkehrsverbindungen. Ich erkläre den Frühchen die Verkehrsregeln. Und nenne alle Einkaufsmöglichkeiten. Rund um die Uhr. Am Streckenabschnitt. Wenn ich Nachtwache habe, berichte ich von den Ampelphasen. Dadurch wird ihr inneres Auge gestärkt. Alles in einer Sprache, die nur ich auf der Intensivstation, ja in der ganzen Stadt spreche. Washington DC kennt keine Legenden. Keine Gebirgsköpfe. Keine Stromschnellen. Weder haarlose noch ewig sich kämmende Frauen. Meine Kolleginnen sind überzeugt, dass die Überlebenschancen der premature babies in unserem Health Center im statistischen Vergleich nur deshalb weit über dem Durchschnitt liegen, weil ich eine Sprache habe, die niemand versteht. Die aber Wunder wirkt. Wie Uelis Elixier. In Notfällen werde immer ich gerufen. Und die verstörten Winzlinge beruhigen sich sofort. Hysterie kann ihren noch nicht stabilisierten Organismus blitzartig auslöschen. Da reicht grelles Licht, Mundgeruch oder ein klappernder Fensterflügel. Mein Dialekt ist keine richtige Sprache, sondern eine verschwindende familieninterne Angelegenheit. Tante Lina beherrschte ihn auch nicht mehr im Alter. Als sie im Dezember 1922 in Bern einen Vortrag über ihre Weltreise in Mundart hielt, notiert sie am nächsten Tag in ungeschminkter Kürze: „Der Vortrag gestern abend in berndeutsch gelang nicht. Kein Kontakt zu den Zuhörern.“ Sie haben mich zu einem Vortrag eingeladen, der auch nicht gelingen kann. Deutsch ist weder meine noch Ihre Muttersprache. Aber sobald ich ausgeredet habe, fahre ich über die unsichtbare Grenze zurück. Gehe auf die Oschwand und suche das Haus vom Bode-Ueli. Tante Linas Geburtshaus. Angeblich steht es noch. Und bestimmt leben Menschen darin. In der Schweiz gibt es keine leerstehenden Häuser. Bestimmt sprechen die Hausbewohner meinen unmissverständlichen Dialekt. Denn die Sprache gehört dem Haus. Wie der Hund, das Boot und die Schuhe im Schulbuch. Auf dem Friedhof neben dem Schulhaus soll ihr Grabstein einen Ehrenplatz gefunden haben. Davon gibt es keine Fotos im Album meiner Eltern. Ich muss es aktualisieren. Ich werde Aufnahmen machen mit meinem altmodischen Fotoapparat. Wir brauchen Negative und auf Hochglanzpapier entwickelte Fotos, die in selbstklebende Fotoecken passen. Das Grab wurde aufgehoben. Ist das richtig gesagt? Die deutsche Sprache sei da sehr präzise, wird mir bei jeder Gelegenheit versichert. Auch die Schweiz ist ein kleines Land und hat nicht für alles Platz. Ich kenne nur quadratische Ausschnitte, die ich auf der Landkarte nicht zuordnen kann, weil ich kein Postleitzahlenverzeichnis besitze. Die Kontraste zwischen Schwarz und Weiß hat die Zeit aufgeweicht. Im Fotoalbum meiner Eltern hat das Weiß einen Stich ins Gelbliche bekommen und das Schwarz einen Schlag ins Bräunliche. Sepia nennen die modernen Fotografen dieses Farbgemisch und stellen es seriell her. Sie überziehen damit am PC alles, was alt aussehen soll. In unserem Familienalbum ist das Farblose natürlich. Die Fotoecken werden von Hand plaziert. Die Zeit ist Farbe. Und die Korrektur schafft Raum. Nichts ist umkehrbar. Nichts bewahrt die strahlende Fröhlichkeit unzerstörbarer Jugendkraft. Ich werde blass aussehen. Darf ich mich einen Augenblick hinsetzen? Ich muss im ersten Buch Moses nachlesen, warum Lots Frau ohne eigenen Namen zur Salzsäule erstarrte. Bestimmt liegt auf Ihrem Büchertisch hinten ein Altes Testament auf.

Wir tragen den selben Nachnamen, Tante Lina und ich. Sie können ihn dem gedruckten Programm entnehmen. Dann wissen Sie auch, wie er richtig geschrieben wird. Mit Umlaut in der Mitte. Am 15. April feiern wir ihren hundertfünfzigsten Geburtstag. Deshalb haben Sie mich hierher eingeladen. Sie war die erste Schweizer Weltreisende. Sie unternahm zwei große Reisen. Und schrieb zwei Bücher. Was darin steht, werde ich Ihnen nicht vorlesen. Ich bin Krankenschwester. Keine Erzählerin. Ihre Zähne waren schlecht. Noch bevor sie auf die zweite Reise, nach Asien, aufbrach, ließ sie sich ein Gebiss anfertigen. Damals arbeitete sie hier in der Nähe, in Friedrichshafen am Bodensee. Sie verdiente ordentlich. Die Zahnarztbesuche stellten sie vor keine finanziellen Probleme. Im Januar 1927 vermerkt sie im Tagebuch: „War vormittags bei Dr. L., um ihn zu fragen, ob er mit meinem unteren Gebiss nicht etwas tun könnte, dass es mir nicht so weh tut, wie dies zeitweise der Fall ist. Er erklärte aber, es sei nichts zu machen. Also muss ich mich gedulden, hoffentlich dauert es nicht achtzehn Jahre - denn so lange habe ich das Gebiss - bis ich keine Zähne mehr brauche.“ Tante Linas erstes Buch, der Bericht von der zehnjährigen Weltreise in Form eines Briefromans, liegt hinten zum Verkauf auf. Das zweite Buch, die Reportage über den dreijährigen Aufenthalt in Asien, ist seit vierundsiebzig Jahren vergriffen. Sie können bei der Landesbibliothek in Bern gegen eine geringe Schutzgebühr eine Kopie anfordern. Bezahlt wird in beiden Fällen mit Schweizerfranken. Ihr Land hat keine bewachten Grenzen und keine eigene Sprache, aber auch keine eigene Währung und keinen eigenen Wein. Es gibt hier nur Thurgauer Beerliwein zu trinken. Sie dürfen kein eigenes Bier brauen, keine eigenen Zigaretten herstellen, keinen eigenen Wein ausschenken. Sie haben kreuzungsfreie Straßen und fahren servogelenkte silbergraue Autos japanischen Fabrikats. Tante Lina fühlte sich in Tokio nicht wohl. Den japanischen Autos geht es gut in den klimatisierten Tiefgaragen Ihres kleinen Landes. Sie nicken, blinzeln und hüpfen freudig auf der Stelle, sobald sie aus der Ferne zentralentriegelt werden. Der Kofferraum klappt auf, die Fahrertür schwingt aus. Die schlüssellosen Funksteuerungen funktionieren problemlos quer durchs Land. Der Briefroman ist letzten Herbst auch als Taschenbuch erschienen. Preisgünstig und handlich können sie nachlesen, was Tante Lina der Nachwelt hinterlassen wollte: eine schnörkellose Lokalberichterstattung. Arbeitsuche. Weiterreise. Seekrankheit. Aus heutiger Sicht verbreitet sie veraltete, leicht naive Geschichtsbilder. Das ist aber Nebensache, sozusagen bewegter Hintergrund wie auf der Pariser Weltausstellung von 1900. Die Besucher konnten dort russische Suppe in einem Originalspeisewagen der Transsibirischen Eisenbahn löffeln. Vor den Zugfenstern wurde quer eine Leinwand abgerollt. Darauf hatten naturalistische Kunstmaler die wechselnden Landschaften, Birken, Baikal, Mandschurei bis an den Pazifik gepinselt. Außerdem wackelten Männer mit Muskeln an dem Waggon, so dass die Illusion perfekt war. Die Menschen im Speisewagen hatten das Gefühl, Zug zu fahren. Die Hauptsache im Briefroman ist die unbewegte Hauptdarstellerin. Die Briefschreiberin. Eine mutige, tüchtige und sparsame Frau, die auf den Tag genau zehn Jahre allein rund um die Welt reist. Angeblich aus Langeweile. Weil sie es sich so in den Kopf gesetzt hatte. Schweizerinnen, müssen Sie wissen, sind halsstarrig. Ein gepflegtes Wort. Mit arithmetisch angelegten Konsonantenhäufungen. Der goldene Schnitt ist auch ein sprachliches Phänomen. Mein Deutsch ist nicht gut. Beim Vortragen kommen mir Wörter aus dem Mund, von denen ich nicht weiß, dass sie bereits in meinem Kopf Platz genommen haben. Tante Linas Geheimnis hat noch niemand ergründet. Unbestritten ist, dass sie immer wieder zurückgelegtes Geld in die Schweiz schickte. An ihre Freundin in Herzogenbuchsee. Die trug es für sie auf die Kantonalbank. Sie besaß auch Wertpapiere. Vieles erfahren wir zufällig im Tagebuch. In ihren beiden Büchern verschweigt sie konsequent alles Private und Finanzielle. Im Frühjahr 1906, nach dem verheerenden Erdbeben in San Francisco, notiert sie: „Wir, und ich ganz besonders, können noch immer von nichts als der S.F.-Katastrophe sprechen, durch die auch ich fast etwas vom schnöden Mammon verloren hätte, denn ich besass seit 8 Jahren eine San Francisco Tramway-Aktie. Weil aber das Einkassieren des Geldes von hier aus immer zu umständlich war, ließ ich vor einigen Wochen durch den Bankier Barney in Philadelphia die Aktie verkaufen, und habe jetzt das Geld in Buchsee angelegt. Hätte ich nur einige Wochen gezögert, wäre es zu spät gewesen. Natürlich hätte mich der Verlust von bloßen 800 Franken in einem solchen Fall, wo viele alles verloren, nicht unglücklich gemacht, aber doch bin ich froh es zu haben.“ Tante Lina starb als reiche Frau. Mein Vater Paul musste bei der Testamentseröffnung im Januar 1942 anwesend sein. Er gehörte zu den nächsten Verwandten. Er war mit dem Motorrad aus Ägypten zurückgekommen. Mitten durch den Weltkrieg. Unterwegs musste er sich wegen eines Motorschadens bei einer Schweizer Vertretung Geld borgen. Das war nicht einfach. Dennoch stand er rechtzeitig an ihrem Krankenlager. Sie habe ihn über alle Details seiner Heimreise befragt, erzählt er. Sei mit ihm eine Viertelstunde durch den Orient gereist. Dann bat sie ihn mit schon schwacher Stimme, ihr „adieu“ zu sagen: „Nun weiß ich, dass es dir gut geht und ich kann ruhig sterben“. Die Nachkommen ihrer einzigen leiblichen, bereits verstorbenen Schwester Anna konnten aus Deutschland nicht anreisen. Aus verständlichen Gründen. Ich kenne das Testament nicht. Ich kenne nur Tagebucheinträge. Als Paul genau ein Jahr und eine Woche alt war, am 25. Juni 1915 schreibt sie: „Heute überbrachte ich dem Notar S. mein Testament, da er mir gestern auf mein Befragen sagte, man müsse ein selbstgeschriebenes Testament bei einem Notar deponieren. Ich habe nämlich mein sämtliches Geld den Schwenningern vermacht, da es sonst, wenn auch die Halbgeschwister zum Erben kämen, in so viele Teile verteilt würde, dass es sich nicht mehr der Mühe lohnen würde. Jetzt wird der S. auch gleich mit der Steuernote anrücken, aber ich bin froh, dass sie wissen, was ich habe, damit es nachher nicht heißt, dass ich die Gemeinde hintergehen wollte.“ Tagebuchlesen ist eine eigene Geschichte. Ganz abgesehen von den Problemen, welche die Handschrift aufwirft. Erst im Januar 1920 wurde ich fündig: Tante Lina bezahlte in jenem Jahr 50 Franken Staatssteuer und 60 Franken Gemeindesteuer. Die Tagebücher verschrieb sie ihrer Nichte Alice, einer Cousine meines Vaters Paul, die viel älter war als er. Sie lebte in der Ostschweiz und unterrichtete in der Sekundarschule. Paul war immer der Jüngste. Nächstes Jahr wird er 95. Jetzt staunt er über die Wirkung mancher Sätze aus Tante Linas Tagebuch. Sie sind in der Lage, ihn am Sonntag Nachmittag um 90 Jahre jünger zu machen. Dann sieht er ein Buch mit lustigen Zeichnungen vor sich und hört die Stimme der Tante: „Der megerle Mucky reitet bis Kentucky ...“ Nachdem sie das Testament ordnungsgemäß hinterlegt hatte, lebte Tante Lina noch etwas mehr als ein Vierteljahrhundert. Um diese Zeit alterten auch ihre Erben, verloren die Sehkraft, oder gar das Leben. Das konnte sie nicht ahnen. Ihre Ersparnisse, 27 Tausend Schweizerfranken, transferierte die Kantonalbank nach Hitlerdeutschland. Ihre Tagebücher, 26 Hefte, insgesamt ungefähr 6 Tausend handschriftliche Seiten, niemand hat sie je gezählt, packte Paul in drei Schuhschachteln und schickte sie nach Frauenfeld. Tante Lina geriet für ein halbes Jahrhundert in absolute Vergessenheit. Die Zeit steckt in selbstklebenden Fotoecken und ist sepiabraun. Paul und Johanna übersiedelten kurz nach der Hochzeit nach Pennsylvania. Paul fühlte sich nicht Ernst genommen in der Schweiz. Er sprach fließend Dänisch, Arabisch und Englisch. In Viby fuhr er mit dem Velo zum Strand. Und sprang in die Ostsee. Stellen Sie sich vor, was dies für einen jungen Käser aus den Buchsibergen bedeutete! Nach Tante Linas Tod war er Inspektor des Eidgenössischen Kriegsernährungsamtes. Es war ja Krieg. Auch in der Schweiz. Als das Amt aufgehoben wurde, arbeitete er bei der Berneralpenmilch in Konolfingen. Dort wurde er „gemobbt“. Dieses Wort kannte aber damals niemand. Und er sagt, das sei heute so unwichtig. In New Holland konnte er mit der rohen Kuhmilch der Amish Farmers herumtüfteln, so viel und so lange er wollte. Wir Kinder kamen auf die Welt. Eines nach dem anderen. Meine beiden älteren Brüder und ich. Johanna pflegte über Jahrzehnte regen Briefkontakt mit den Verwandten in den Buchsibergen. Das sind wahre Geschichten und sie ist eine wahre Erzählerin! Von der Cousine Alice kam keine Antwort. Wir erfuhren nie, dass sie schon früh erblindete und weder Briefe las noch Pakete öffnete. Etwa sechzig Jahre später stand eines Tages der mailman vor unserer Haustür in New Holland. Er überreichte der weißhaarigen Johanna ein großes Paket aus Spich. Darin befanden sich die drei Schuhschachteln mit Tante Linas Tagebüchern. Unberührt, wie Paul am Abend verdutzt feststellte. So wie er sie im Januar 1942 eingepackt hatte. Wahrscheinlich war jemand gestorben, von dem wir nicht wussten, dass er gelebt hatte. Der Name auf dem Absender war auch mit der Lupe nicht zu entziffern. Ein Ehegatte. Schwiegersohn. Enkel. Von Alice. Wer weiß. Seither buchstabieren wir Wort für Wort. Erinnern uns Tag für Tag. Blättern Seite um Seite um. Johanna brachte mir die Sütterlinschrift bei, schrieb mit ihrer klaren Handschrift das Alphabet auf. Und ein bisschen Französisch. Die ersten Jahrgänge sind französisch verfasst. Die Bibel geht mit Frauennamen sparsam um. Lot war der Neffe Abrahams, wussten Sie das? Das habe ich eben in der Pause nachgelesen. Lots Frau hat keinen Namen, nur eine Funktion: sie muss aus der Geschichte verschwinden. Aus der wirklichen Geschichte. In Tante Linas Tagebüchern, das fanden wir schnell heraus, Mutter und ich, die Hefte ließen uns nicht mehr los, gibt es einen Mann, der keinen Namen hat. Aber er verursacht unglaubliche Gefühlsausbrüche. Obwohl er jahrzehntelang nur in der Initiale B steckt. Der polnische Offizier im Dienst des österreichischen Kaisers. Tante Linas einzige Liebe. In der europäischen Schulbuchgeschichte kennen wir uns nicht aus. Tante Lina arbeitete lange Zeit im Süden Polens, in Galizien, in der Nähe von Krakau. Von den polnischen Teilungen haben wir nie gehört. Tante Lina liebte B. Und B. diente dem österreichischen Kaiser. Also mussten sie in dem Teil Polens leben, der zur k.u.k. Monarchie gehörte. Von einem Mann in ihrem Leben war nie die Rede, sagt Paul in der Küche. Er versteht die Welt plötzlich nicht mehr. Lots Frau gebar Lot zwei Töchter. Deren Vornamen kennen wir auch nicht, wir wissen nur, dass die eine älter, die andere jünger war. Die vier Lots, Lot selbst, Lots Frau, Lots ältere und Lots jüngere Tochter wohnten in Sodom und Lot hatte bereits Schwiegersöhne ausgesucht. Da beschloss der Herr, so steht es in der Genesis, Sodom und Gomorra zu vernichten. Bevor die Hochzeiten stattfinden konnten. Gleichzeitig hatte er Mitleid mit Lot, warum, weiß niemand, wahrscheinlich weil Lot der Neffe des Abraham war. Der Herr schickte also zwei Engel, welche die vier Lots aus der Stadt vertreiben sollten. Notfalls mit Gewalt. Um sie zu retten. Bevor Feuer und Schwefel vom Himmel über sie herab regnen würden. Lots Frau erstarrte auf der Flucht aus der brennenden Stadt zur Salzsäure, weil sie sich nicht an die Anweisungen der Engel hielt. Sie drehte sich um, sah dem Schrecken in die Augen und wurde vom Donner gerührt. Lot bezog mit seinen Töchtern eine Höhle im Gebirge. Und weil keine Ehemänner in Sicht waren, machten die Töchter den alten Vater betrunken. In der einen Nacht legte sich die Ältere zu ihm ins Bett. In der nächsten die Jüngere. So wurden Moab, der Stammvater der Moabiter und Ben-Ammi, der Stammvater der Ammoniter gezeugt. Und das Leben in der Genesis konnte weitergehen. Nein, moderne Antibiotika helfen bei Inzucht nicht. Nur Lots Frau hätte dies zu verhindern gewusst. Deshalb musste sie aus dem Weg geräumt werden. Das machen alle Romanschreiber so. Sie entfernen unnötig gewordene Figuren aus der Geschichte. Mit mehr oder weniger originellen Einfällen. Lots Frau blieb als Salzsäule auf der Strecke. Ihr ist in der Bibel ein einziger vollständiger Satz gewidmet. Und trotzdem geriet sie nie in Vergessenheit. Ich bin Krankenschwester. Ich habe zum ersten Mal seit über dreißig Jahren zwei Wochen Urlaub genommen und bin verreist. Meinen sprachlosen Patienten werde ich nach der Rückkehr minutiösen Bericht erstatten. Weder das Alte noch das Neue Testament verrät, wie Lot auf die Schwangerschaften seiner Töchter reagierte. Alle Bücher Moses sind unvollständige Geschichten. Tante Linas Liebesgeschichte hat ein offenes Ende. Meine Geschichtskenntnisse sind so wackelig wie mein Deutsch. Aber ich habe begriffen, dass der österreichische Kaiser schuld ist, dass sie den einzigen Mann, „den ich je geliebt“, nicht heiraten konnte. Seinen vollen Namen bekam B. im Tagebuch erst, nachdem sie ihn tot glaubte. Die Zitate werden jetzt so lang, dass ich sie nicht mehr im Kopf behalten kann. Ich lese Ihnen den Eintrag vom 1. Oktober 1914 vollständig vor: „Erhielt von Mimi aus Pardubice in Böhmen, wohin sich die ganze Familie geflüchtet hat, eine Karte, von der die Schlussworte waren: Bijak lebt nicht mehr, er ist den Heldentod gestorben. Die Nachricht hat mich tief erschüttert und dennoch muss ich mich freuen, dass er eines so ehrenhaften Todes gestorben ist, den Tod, den er sich gewünscht hätte, wenn er hätte wählen können. Dazu an einem Zeitpunkt des Krieges, wo ein österreichischer Offizier noch mit Ehren sterben konnte; die Vernichtung seines Heeres musste der Tapfere nicht miterleben, auch nicht die Schmach einer russischen Gefangenschaft, darum kann man sich über diesen Tod nur freuen, aber dennoch ist mir unsagbar weh ums Herz. Es ist mir, als ob es plötzlich viel, viel leerer für mich geworden sei, obwohl wir ja seit Jahren nicht mehr direkt voneinander gehört haben. Ist es aber auch ein Wunder, wenn mich dieser Tod ergreift, der Tod des einzigen Mannes, den ich je geliebt, den ich aus lauter Liebe nicht heiraten wollte, um seine Carriere nicht zu zerstören, der sozusagen mein Schicksal wurde, weil ich, ohne ihn gekannt und geliebt zu haben, nie an eine Weltreise gedacht hätte, da ich ja nur fort ging, um mich vor ihm und mir selber zu flüchten. Ja, kein anderer Mensch hat einen so gewaltigen Einfluss auf mein Leben gehabt, wie dieser Mann, der jetzt auf den galizischen Schlachtfeldern den schönen Tod fürs Vaterland starb. Gott habe ihn selig! Mir ist heute so sehnsüchtig zu Mute, dass ich gerne auch sterben würde, um zu ihm zu gehen und ihm das zu sein, was ich auf dieser Welt nicht sein konnte, und warum nicht? Weil uns beiden die Offizierskaution fehlte, 50’000 Kronen, lumpige fünfzig tausend, die amerikanische Milliardäre allein für den Blumenschmuck bei ihren Festlichkeiten ausgeben; uns hat dieses elende, lumpige Sümmchen Geld am Zusammenleben gehindert und jedes seinen Lebensweg allein gehen lassen. Aber, wer weiß, zu was das gut war. Getrennt waren wir jedenfalls nützlicher als zusammen. Also nicht klagen. In einer anderen Existenz kommen wir vielleicht zusammen, da, wo es keine Offizierskautionen mehr braucht. Die Röthlisbergertochter fing heute ihre französischen Stunden an. Wir werden tüchtig zu arbeiten haben, denn sie hat absolut keine Grundlage. Ich möchte wissen, wie man in Buchsi französisch unterrichtet. Der 1. Oktober fängt übrigens prächtig an, was das Wetter anbelangt; nur sonst so unendlich traurig! Von Miettingers hatte ich eine Karte, die mir mitteilt, dass der Willy Vogel auch gefallen sei. Arme Mutter! einen so netten und tüchtigen Sohn verlieren müssen!“ Tante Lina irrte in ihrer Trauer. Bijak ist im September 1914 nicht gefallen, sondern wurde verwundet und verbrachte den Rest des Krieges in Sicherheit. In russischer Gefangenschaft. So hat er überlebt. Stand nie an der Front. War keinem Gemetzel ausgesetzt. Dies teilte uns das österreichische Kriegsarchiv in Wien mit. Dort liegt auch ein Foto von Bijak im Majorskragen. Es zeigt ein liebenswürdiges Gesicht, auf dem kein Schatten liegt. Die Majorsmütze hatte er abgenommen. Wir bestellten einen Abzug und klebten ihn ins Fotoalbum ein. Der zuständige Sachbearbeiter schrieb dazu, dass der Kaiser die Kautionen auf entsprechende Bitte auch erlassen konnte. Bijak hätte um Audienz ersuchen, nach Wien fahren und gute Gründe vortragen müssen. Nach der Aktenlage hätte er mit einer positiven Beurteilung rechnen dürfen. Bestimmt waren beide zu stolz, Tante Lina und B. Sie wollten nicht mit einer Sonderregelung ihr gemeinsames Leben anfangen. Nach der Abdankung des letzten Kaisers diente Bijak als Divisionsgeneral in der polnischen Armee. 1922 wurde er in den Ruhestand versetzt. 1943 starb er in Wadowice. Hätte Tante Lina ihn geheiratet, wäre er unser Onkel. Schon deswegen gehört sein Bild in unser Familienalbum. Die Liebe muss beide heftig getroffen haben. Nachhaltig. Würde man heute sagen. Sie haben beide keinen anderen Partner gefunden, nie geheiratet, nie darüber gesprochen. Tante Lina gönnt diesem Mann kein Wort außerhalb der Tagebücher. Die Tagebücher wiederum hat sie nicht vernichtet. Obwohl sie dazu durchaus in der Lage gewesen wäre. Im „Kreuz“ gab es zwar bereits seit 1914 Zentralheizung, aber sie hätte die Hefte in Spich in den Ofen werfen können. Sie hat nur einzelne Seiten mit der Schere herausgeschnitten. Von B. ist genug übrig geblieben. Sie vermachte die Tagebücher Alice. Alice war, wie sie dachte, ihre geistig aufgeweckteste Nichte. Sie konnte nicht ahnen, dass ausgerechnet Alice erblindete. Sie wollte, dass ihre Geschichte eines Tages vollständig erzählt werden kann. Ich bin dazu nicht in der Lage. Als Krankenschwester kann ich nur sagen, dass eine Frau, die mit 34 Jahren beschließt, zehn Jahre um die Welt zu reisen, nicht die Absicht hat, in ihrem Leben noch eine Familie zu gründen. Das ist heute so und war vor hundert Jahren nicht anders. Nur im Alten Testament können Neunzigjährige noch empfangen und gebären. Nein, Tante Lina wusste, was sie wollte: alles oder nichts. Im März 1907 - da war sie schon seit fünf Jahren zurück von ihrer zehnjährigen Weltreise und arbeitete in Krakau als Englischlehrerin - schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich bin jedesmal, wenn ich ihn sehe, auf ein oder zwei Tage etwas unglücklicher. (...) Seit 15 Jahren bemühe ich mich, den Menschen nicht zu lieben, nicht an ihn zu denken, und jedesmal wenn ich ihn sehe, muss ich ein Stück dieser Arbeit wieder von neuem anfangen. Meine Bekannten, die über- und unterrichtet sind, sagen immer: „Warum ihm aus dem Weg gehen, warum solltet ihr nicht Freunde sein können, bis ihr Eheleute werden könnt?“ Wie unsinnig ist dieses Reden. Ist da auch nur die geringste Hoffnung auf ein eventuelles Zusammenkommen? Sogar wenn wir es wünschten, was meinerseits und gewiss auch seinerseits nicht mehr der Fall ist, wo würde ich je Geld genug finden für eine Majors-Kaution! Und zu einem Freundschaftsbündnis fühle ich mich diesem einen Mann gegenüber unfähig. Ich will alles oder nichts, und da das Nichts bei weitem heilsamer für mein Glück und meine Ruhe ist, muss ich nun wünschen, ihn so selten wie möglich zu sehen zu bekommen. Wann werde ich wohl alt genug sein, dass mich sein Anblick nicht mehr erregt? Ich fürchte noch lange, lange nicht. Oh, ich dumme alte Gans!“ Genüßlich lesen wir diese und ähnliche Stellen Paul vor. Er kommt nicht aus dem Staunen heraus. Wo ist seine gestrenge Tante Lina geblieben, die ihm als Bub beigebracht hatte, beim Essen nicht die Ellbogen auf den Tisch aufzustützen, nicht den Teller mit der Zunge auszuschlecken, nicht mit vollem Mund zu reden? B. wartete in Krakau zehn Jahre auf Tante Lina. Als sie zurückkam, holte er sie am Bahnhof ab. Er wusste, dass sie pünktlich sein würde. Er wiederholte seinen Heiratsantrag noch auf dem Bahnsteig. Bevor sie mit beiden Füßen wieder auf Krakauer Boden angekommen war. Sie war sprachlos und außer sich. Schüttelte nur den Kopf. Im Laufe ihres langen Lebens wuchs ihr Erspartes auf 27 Tausend Franken an. Das wäre gerade mal die gute Hälfte der 50 Tausend Kronen Kaution für den Kaiser gewesen. Damals waren die Währungen noch an den wahren Goldwert gebunden und einigermaßen kompatibel. Denke ich. Ich bin Krankenschwester. Keine Finanzexpertin. Wie auch immer. Die Kronen bedeuteten unerreichbares Glück. Wir tragen den selben Nachnamen, Tante Lina und ich. Unsere Geburtsnamen haben wir nicht abgelegt, weil wir nie heirateten. Hundertfünzig Jahre lang. Ich muss eine Ewigkeit lang auf der Intensivstation für Erwachsene gelegen haben. Ich kann mich daran nicht erinnern. Das Gedächtnis hatte mich verlassen. Die Stadt hatte mich verlassen. Ihre Straßen. Meine Schuhe. Das Bewusstsein. Die Ampelphasen. Hatten mich verlassen. Das Motorenrauschen. Das Empfinden. Für Schmerzen. Ohrensausen. Oder Handbremsen. Ich wusste nicht, war ich am Meer. Oder im Himmel. An die Hölle glaube ich nicht. Ich bin Krankenschwester. Keine Erzählerin. Sie haben mich zu einem Vortrag eingeladen. Über Tante Lina. Ich kann nur sagen, zu früh Geborene sind immer ohne Sünde. Weder Tante Lina noch ich wurden bestraft. Wir wurden nicht versteinert. Nicht als Grenzpflock einbetoniert. Nicht als Salzsäule den Ziegen zum Fraß vorgeworfen. Johanna, meine Mutter, das schönste Bauernmädchen der Buchsiberge sagt, sie hätte sich wochenlang nicht von meinem Bett wegbewegt. Das gehört alles nicht hierher, hat keinen Platz in Ihrem kleinen, kühlen Land. Der polnische Maler Jacek Malczewski porträtierte General Bijak im Ruhestand in Öl. Ein furchterregendes Gemälde. Es hängt im Museum in Rogalin und kein Betrachter kann sich so richtig vorstellen, dass unsere grazile Tante Lina diese monströse Stilisierung auf dem Bild geliebt haben soll. Wir bleiben in der Küche in New Holland und blättern die Seiten im Fotoalbum um. Die Amiets auf der Oschwand hatten keine eigenen Kinder. Aber das Haus war immer voll. Sie adoptierten Kinder. Nahmen Knaben als Schüler auf. Bruno Hesse, der Sohn des Schriftstellers, lebte seit 1920 bei Cuno Amiet und ließ sich zum Kunstmaler ausbilden. Tante Lina, erzählt Johanna, besuchte ab und zu Amiet in seinem Atelier. Sie bestaunte seine expressiven Pinselstriche auf Karton, verstand aber die Farbgebung gar nicht. Einmal soll sie ihn gefragt haben, warum er denn der Frau auf dem Bild einen grünen Hals gemalt habe. Amiet erklärte ihr darauf, dass die Farbe zur Form gehöre. Die richtige Farbe zu finden und ihren Sinn für die Form zu erkennen, sei seine Aufgabe. Dazu brauche er Künstler-Augen. Tante Lina verabschiedete sich mit dem Satz: „Gottlob habe ich keine!“. Tante Lina hatte weder Künstler-Augen noch Künstler-Finger. Sie schrieb nicht gerne. Im Sommer 1915, nachdem ihr zweites Buch zu einem denkwürdig unglücklichen Zeitpunkt, mitten im Krieg erschienen war, erhielt sie einen Brief von einem Germanistikprofessor, der sie auf „stilistische Fehler“ im Text hinwies. Darauf notiert sie im Tagebuch: „Eine Sprachkünstlerin bin ich nicht, hätte auch nie an das Schriftstellern gedacht, wenn ich nicht so vieles zu sagen hätte, das andern nützen kann.“ Sie erfüllte ein Muss und reagierte auch auf positive Rezensionen selbstkritisch: „Ob ich denn wirklich so gut schreibe, wie die Herren alle behaupten? Ich kann es gar nicht glauben, denn was man gut kann, tut man gewöhnlich auch gerne und ich kann nicht behaupten, dass ich gern schreibe.“ Jahre später wurde sie von der Basler Nationalzeitung zur Mitarbeit eingeladen. Die Antwort schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich habe natürlich abgeschrieben, was ich ja schon oft anderen Zeitungen auch getan, denn ich bin froh, wenn ich nicht mehr schreiben muss.“ Sic! Ein unterstrichenes muss. Punkt. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. Mein Zug geht in zwanzig Minuten ab Buchs über Sargans nach Zürich. Mein Koffer ist noch nicht gepackt. Falls Sie Fragen haben, bin ich in den nächsten drei Tagen im chatroom für Sie da.

© Judith Arlt 2006

gedruckt in: verliebt, verlobt, ver… Von Liebesg’schichten & Heiratssachen. Herausgegeben von Sylvia Treudl. Wien, Edition Aramo 2006, S. 237-262

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