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Judith Arlt |
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Aktueller Blog: Blog Krakau Blog Beim Erzengel
Email: ja@juditharlt.de Last updated: 01/2008 |
NEUE TEXTE „Ich esse auf einem gedeckten Tisch, aus schönem Porzellan und mit dem Besteck des Königs Kalakaua“ - Die Weltreisende Lina Bögli (1858 – 1941) Lina
Bögli war die erste Schweizer Reiseschriftstellerin. Sie unternahm zwei große
Reisen. Und sie schrieb zwei Bücher. Über jede Reise eines. Von 1892 bis 1902
umrundete sie die Welt. Allein und mittellos. Als bereits nicht mehr ganz junge
Frau, im Alter von 34 Jahren, brach sie auf. Fuhr mit dem Dampfer Ballaarat von
Brindisi nach Australien. Kam in Sydney an und hatte noch 5 Pfund in der
Tasche. Musste umgehend eine Stelle finden. Reiste später weiter über
Neuseeland, die Samoa-Inseln, Hawaii, nach Kalifornien, Amerika und Kanada. Sie
musste immer arbeiten, um leben zu können und vorwärts zu kommen. Sie war
diplomierte Lehrerin, erteilte Sprachunterricht, hielt Vorträge über deutsche
und französische Literatur. Den beruflichen Höhepunkt erreichte sie in Honolulu
1897: der hawaiische Erziehungsminister ernannte sie zur ersten Lehrerin für
moderne Sprachen am einzigen Gymnasium der ganzen Inselgruppe. In ihrem
Reisebericht, den sie nach der Rückkehr als Briefroman an ihre Freundin
Elisabeth gestaltete, lesen wir: „Wenn du also in Zukunft besonders ehrerbietig
von mir sprechen willst, so nenne mich: ‚Die Mutter der deutschen und
französischen Sprache in der hawaiischen Republik‘.“[1] Die
zweite Reise begann im Herbst 1910. Die 52-jährige Lina Bögli reiste mit der
transsibirischen Eisenbahn nach Asien. Sie verbrachte zwei Jahre in Tokio und
eines in Nanjing in China. Sie arbeitete wieder als Privatlehrerin und
Erzieherin, daneben schrieb sie Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen[2]. 1913 bot man ihr in Nanjing einen
Lehrstuhl für deutsche und französische Sprache an der ersten chinesischen
Frauenuniversität an. Sie zögerte, lehnte aber schließlich ab. Was 1897 auf
Hawaii Anlass für Stolz und kreative Ironie gab, war 1913 in Nanjing Grund zur
Resignation: „Interessant wäre es ja schon (...) aber ich frage mich, ob es das
Opfer, das ich bringen müsste, indem ich meine Heimreise um Jahre verschiebe,
wert wäre. Ich glaube nicht.“[3] Lina
Bögli kehrte im Frühjahr 1914 in die Schweiz zurück mit der festen Absicht,
sich in Zukunft nicht mehr „weit über die Landesgrenzen hinauszuwagen“[4]. Es war eine Rückkehr nach fast vier
Jahrzehnten. Sie hatte seit ihrem siebzehnten Lebensjahr im Ausland gearbeitet,
abgesehen von ihren Reisestationen in Italien, Polen und Deutschland. Sie war
56 Jahre alt, als sie im „Kreuz“ in Herzogenbuchsee das Eckzimmer im zweiten
Stock mietete. Das „Kreuz“, das erste alkoholfreie Gasthaus der Schweiz, wurde
vom Frauenverein Herzogenbuchsee unter Amélie Moser gegründet und diente in
wenigen Fällen als Altersheim, hauptsächlich aber als Arbeiterheim und
Haushaltschule für Töchter. Lina Bögli wohnte 27 Jahre im „Kreuz“. Erteilte
Privatunterricht. War Vortragsreisende und prägte das Bild Ozeaniens und Asiens
in der Schweiz vor dem zweiten Weltkrieg entscheidend mit. Sie hatte keine
Familie, zu der sie hätte zurückkehren können – oder wollen. Ihre einzige
leibliche Schwester lebte in Deutschland. Ihre drei Halbbrüder waren sehr viel
älter oder bereits verstorben. Deren Nachkommen, ihre zahlreichen Nichten und
Neffen, hatten eigene Familien. Lina Bögli wollte niemandem zur Last fallen.
Sie hatte genug Geld gespart und es so günstig angelegt, dass sie sich in der
Schweiz ein unabhängiges Leben in einem eigenen Zimmer leisten konnte.
Wer war Lina Bögli? Eigentlich hatte ich eine einsame und
freudlose Jugend. Doch hat sie mir der liebe Gott gewiss zur Erziehung so
gemacht, denn die einsame und freudlose Jugend hat mich vortrefflich auf das
einsame Herumwandern in der Welt und auf die vielen Entbehrungen aller Art, die
ich dabei mir auferlegen musste, vorbereitet. (TB 29.1.1915) Lina
Bögli stammte aus sehr armen Verhältnissen. Sie wurde am 15. April 1858 als
jüngste Tochter aus zweiter Ehe des Kleinlandwirts Ulrich Bögli mit Elisabeth
Graber im „Boden“, in einem einfachen Bauernhaus in Oschwand geboren. Das Dorf
liegt in den sogenannten Buchsibergen, in den sanften Hügeln im Voralpenland,
im bernischen Oberaargau, südlich von Herzogenbuchsee, das sich während Lina
Böglis Jugend zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt entwickelte. Die
Bahnanschlüsse nach Olten, Bern und Solothurn bedeuteten in der Vorstellung der
Menschen von damals die Verbindung fast zur ganzen Welt. Lina
Bögli war Autodidaktin. Mit zwölf Jahren wurde sie aus der Schule genommen und
für ein Jahr als Kindermädchen zu einer Bauernfamilie in den Jura geschickt. Um
den elterlichen Haushalt zu entlasten und nebenbei Französisch zu lernen.
Gelernt habe sie dort nichts als ein „Brunnenfranzösisch“, erinnerte sie sich
später. „Ich erhielt mehr Schläge als Unterricht, denn nur höchst selten wurde
ich in die Schule geschickt, weil man mich zu Hause nötig hatte.“[5] Schon damals verfügte sie über die,
wie sie es nannte, „sonderbare Gabe, Kinder in Ordnung“[6] zu halten. Als sie nach Oschwand
zurückkehrte, hatte sie ihr Schuldeutsch vergessen und wurde nicht in die
nächste Klasse versetzt. Laut
Geburtenregister kam sie am 15. April auf die Welt. Bis 1905 – 47 Jahre lang,
mehr als die Hälfte ihres Lebens – feierte Lina Bögli ihren Geburtstag am 7.
April. Erst als sie 1905 einen neuen Pass brauchte, um aus dem damals unter
russischer Verwaltung stehenden Warschau nach Krakau zu reisen, wurde das Datum
von offizieller Seite berichtigt. In Warschau hatte sie ein Jahr lang als
Gesellschafterin der verwöhnten Tochter eines Kammerherrn des letzten Zaren
gearbeitet und die politischen Unruhen im vorrevolutionären Russland hautnah
miterlebt[7]. Ich
musste, abgesehen von den vielen größeren und kleineren Trinkgeldern, die man
da zahlen muss, auch noch fünf Rubel Kriegstaxe bezahlen. Wann wird wohl dieses
langweilige Passportgeschäft abgeschafft werden? Eine ganze Woche brauchte es,
bis mein Passport in Ordnung war, und das noch mit Hilfe des Herrn S., welchen
man in seiner Kapazität als kaiserlicher Kammerherr nirgends länger als absolut
nötig warten läßt (TB 30.6.1905). Im Jahr darauf notierte sie: Bisher habe ich diesen Tag als meinen
Geburtstag gefeiert, doch entdeckte ich letzten Sommer, dass ich nicht am 7.
sondern am 15. geboren bin (TB 7.4.1906). Die Wehmut um den verlorenen
Geburtstag begleitete sie noch lange. Zehn Jahre später war sie immer noch
verblüfft: Diesen Nachmittag hatte ich
die Amslerjugend zum Tee. (...) Dabei wusste ich gar nicht, dass ich die
Teegesellschaft an meinem Geburtstag hielt, bis sie es mir mit Überreichung von
Schokolade und Blumen sagten. Dieser 15. ist mir eben als Geburtstag zu neu, nachdem
ich mein ganzes Leben den 7. für meinen Geburtstag gehalten hatte. Ich bin doch
neugierig, wie ich auf diesen 7. kam und ob im Kirchenregister nicht der
richtige Tag steht. Vielleicht hat mich Vater den Landesbehören erst am 15.
angezeigt, nachdem ich am 7. geboren [war]. Zu jener Zeit nahm man jedenfalls
die Sache nicht so genau (TB 15.4.1915). Seit
frühester Kindheit wollte sie Lehrerin zu werden. Dies war für eine
Bauerntochter damals keine utopische Vorstellung mehr. Das erste staatliche
Lehrerinnenseminar der Schweiz wurde 1838 in Hindelbank eröffnet. Vater Bögli
willigte aber der Kosten wegen nicht ein. Die Mutter war früh gestorben. Und
die junge Lina begriff schnell, dass sie die Schweiz verlassen musste, wenn sie
ihr Leben nicht als Bauernmagd verbringen wollte. Ihre erste Anstellung im
Ausland fand sie mit 17 Jahren bei einer wohlhabenden Schweizer Familie in
Neapel, wo sie in den feinen Haushalt eingeführt wurde und in der Freizeit
Bücher aus der Familienbibliothek lesen durfte. „Ich glaube, mein Deutsch habe
ich dort gelernt“[8], gestand sie später. Aber wer denkt,
dass Lina Bögli ihren Wissensdurst nur mit hoher Literatur stillte, irrt. Sie
war ein normales, neugieriges und fröhliches Mädchen. Auf ihrer Weltreise, nach
der Besteigung des Haleakala-Kraters auf der Insel Maui, erinnert sie sich im
Tagebuch an einen Ausflug ins Cilento bei Neapel: Es ist angenehm zu denken, dass ich noch immer die Kraft habe,
Expeditionen zu unternehmen, vor denen andere zurückschrecken, und dass ich
heute noch so stark bin wie im Alter von 19 Jahren, als ich mit einer
Gesellschaft die „Stella“ bestiegen. Wie lange ist das her! Und wo mögen sie
wohl alle sein, die damals dabei waren. Es waren Clara Stiefenhofer, Paulina
Moser, Babetta something, eine Schaffhauserin, an deren Persönlichkeit ich mich
ganz gut erinnere, aber nicht ihres Mannes. Ein junger Leipziger, dessen
Manieren ich auch vergessen, obwohl seine Mutter eine Gräfin gewesen sein soll,
und, was das vergessen noch unmöglicher machen sollte, er mir einstens,
hauptsächlich bei unserer Stellatour sehr den Hof machte, was ich so wenig zu
würdigen wusste. Damals war mein Kopf voller Romanhelden, Clara, Paulina und
ich hatten gerade die Wirrnisse der Tuillerie und des Hofes zu Madrid gelesen
und schwärmten so für einen Claude und eine Olga, dass wir ihre Namen beim
herunter steigen von der Stella in die Klüfte hinein riefen, um das Echo zu
hören! Oh, wie weit sind solche Sachen hinter mir! (TB 18. Juli 1897). Drei
Jahre blieb Lina Bögli in Neapel, danach fand sie eine Stelle in Galizien, im
damals österreichischen Teil Südostpolens. Die gräfliche Familie von Sczaniecki
in Kwiatonowice suchte für ihre Kinder eine „Bonne“, eine Erzieherin und
Fremdsprachenlehrerin. Die Sczanieckis stammten eigentlich aus Kongresspolen,
dem früheren Königreich Polen, das aufgrund der polnischen Teilungen nun „auf
ewige Zeiten“ zu Russland gehörte. Kazimierz von Sczaniecki, der spätere
Gutsherr von Kwiatonowice, hatte in Breslau, Berlin und Greifswald Jura
studiert und Reisen nach Westeuropa unternommen. 1861 promovierte er in Leipzig
mit einer Doktorarbeit über Rechtsbeugung zur Zeit der polnischen Teilungen. In
Krakau spezialisierte er sich daraufhin auf österreichisches Recht und
bereitete seine Habilitation vor. Die sich anbahnende wissenschaftliche
Karriere wurde jedoch durch den Januaraufstand der Polen von 1863 jäh
abgebrochen. Der patriotische Kazimierz von Sczaniecki unterstützte die
Aufständischen und organisierte Waffen- und Munitionslieferungen aus Berlin.
Die österreichische Polizei verhaftete ihn und steckte ihn in Krakau ins
Gefängnis. Nachdem er gegen eine Kaution und unter der Bedingung, Österreich zu
verlassen, freigekommen war, floh er nach Paris, um mit gefälschten Papieren,
als Engländerin Agnes Eckart und in entsprechender weiblicher Verkleidung mit
Damenhut und Perücke umgehend zurückzukehren. Er organisierte an der Küste die
kaschubischen Aufständischen, die zum Kampf nach Warschau vorstießen. Nach der
Niederschlagung des Aufstandes im Frühjahr 1864 wurde Sczaniecki erneut des
Landes verwiesen. Diesmal verbrachte er vier Jahre in der Emigration in der
Schweiz bei einer Familie Bögli. Nach seiner Rückkehr erhielt er dank der
Fürsprache von Freunden die österreichische Staatsangehörigkeit und konnte sich
in Galizien niederlassen. Er heiratete Aleksandra Günther, die Tochter einer
einflussreichen, aus Deutschland abstammenden Familie[9] und kaufte das Landgut Kwiatonowice. Die
Sczanieckis wählten also im Jahr 1878 aus über hundert Kandidatinnen vor allem
des Namens und der Nationalität wegen Lina Bögli aus. Kazimierz von Sczaniecki
war nun Marschall des Kreises Gorlice und arbeitete als Anwalt und Richter.
Seine Frau Aleksandra hatte vier Kinder, drei Töchter (Maria, Zofia, Krystyna)
und einen Sohn (Stefan) geboren. Diese
sehr subjektive Entscheidung erwies sich als Glücksfall für beide Seiten. Trotz
ständischer Unterschiede entstand aus dem Arbeitsverhältnis eine enge,
lebenslange freundschaftliche Beziehung in gegenseitiger Achtung. Lina Bögli
fand in der gräflichen Familie ihre „geistigen Eltern“[10], sie wurde in die Gespräche bei Tisch
miteinbezogen, durfte den Vorträgen des Hausherrn über Literatur und
Kunstgeschichte zuhören und wurde von Frau Sczaniecka in französischer
Grammatik unterrichtet. Mit den Kindern sprach Lina Bögli Deutsch und
Französisch. Nach acht Jahren kehrte sie in die Schweiz zurück, um an der
„École supérieure“ in Neuchâtel einen zweijährigen Lehrgang zu absolvieren. Sie
hatte 1.200 Franken gespart und dieser Betrag musste reichen für Schulgeld, ein
kleines Zimmer und alle weiteren Ausgaben. Als weitaus älteste Schülerin
bestand sie 1888 das Fachexamen und erlangte das Lehrerinnendiplom. Nach einem
halbjährigen Aufenthalt in England, wo sie an einem „Ladies College“ die
Schülerinnen auf das Examen an der Universität Oxford vorbereitete, kehrte sie
nach Kwiatonowice zurück und unterrichtete die Sczaniecki-Kinder nun auch in
Englisch. Die Investition ihrer ersten Ersparnisse hatte sich gelohnt, Lina
Böglis Selbstbewusstsein war gestärkt. Sie wurde als erfahrene
Fremdsprachenlehrerin und Erzieherin hoch geschätzt. Jerzy
Sczaniecki, der 1904 geborene Sohn von Lina Böglis Zögling Stefan schreibt in
seinen Memoiren: „Ich kann mich an Frau Lina nicht erinnern, wohl aber an ihr
Zimmer, in dem sie immer wohnte, wenn sie in Kwiatonowice zu Besuch war. Es war
voll von chinesischen, japanischen und anderen Reiseandenken. Wir sind, so
scherzten wir immer, unter dem Fudschijama aufgewachsen, einem gestickten
Wandteppich mit dem Heiligen Berg. Ich erinnere mich auch an einen Ärmel eines
Mandarins und eine Brosche, oder eher eine Gürtelschnalle mit dem Wappen der
kaiserlichen Familie Mikado, und an einige Fotografien von Frau Lina, einer
kleinen, schlanken Person, die in all den Jahren kein Wort Polnisch gelernt hatte.
Angeblich konnte sie nur sagen: ‚dajesz wody‘ – schenk Wasser ein.“[11]
Warum reiste Lina Bögli allein
um die Welt? Ist es aber auch ein Wunder, wenn mich
dieser Tod ergreift, der Tod des einzigen Mannes, den ich je geliebt, den ich
aus lauter Liebe nicht heiraten wollte, um seine Karriere nicht zu zerstören,
der sozusagen mein Schicksal wurde, weil ich, ohne ihn gekannt und geliebt zu
haben, nie an eine Weltreise gedacht hätte, da ich ja nur fort ging, um mich
vor ihm und mir selber zu flüchten. (TB
1.10.1914). Im
Briefroman „Vorwärts“, dem Reisebericht von der zehnjährigen Weltreise, nennt
die Briefschreiberin als Grund für ihren Aufbruch die Einsicht, „dass das Leben
oft furchtbar leer und farblos sei“, bzw. eine „Fügung des Schicksals“ (Talofa
S. 6). Dass sich hinter dieser „Fügung des Schicksals“ eine leidenschaftliche
Liebesgeschichte verbergen könnte, gibt der Briefroman mit keinem Wort zu
erkennen. Die literarische Figur, die Briefe an eine Freundin in der Schweiz
schreibt, ist selbständig, souverän und stark, in keiner Weise emotional an
einen Mann gebunden. Heimwehanfälle erfassen sie unterwegs pauschal, sie sehnt
sich nach einer vertrauten Umgebung, nach lieben Freunden. Jerzy Sczaniecki
behauptet jedoch in seinen Erinnerungen, Lina Bögli sei „dem Rat meines
Großvaters“, also Kazimierz von Sczanieckis, gefolgt[12]. Tagebücher von Lina Bögli aus jenen
Jahren existieren nicht. Die Argumentation Jerzy Sczanieckis überzeugt
insofern, als Lina Bögli eines Tages in Kwiatonowice nichts mehr zu tun hatte
und nach Krakau zog, um sich dort eine neue Stelle zu suchen. Sicher hat die
Familie von Sczaniecki sie dabei unterstützt. Frau Sczaniecka lebte seit Beginn
der 1890-er Jahre mit den Kindern in Krakau. Der jüngste, Stefan besuchte das
Sobieski-Gymnasium, Zofia und Krystyna die Schule der Ursulinerinnen. Die
älteste, die künstlerisch begabte Maria belegte Kurse am Baranäum, einer Art
Kunstgewerbeschule für Frauen und ließ sich zur Bildhauerin ausbilden.
Tagebucheinträge aus späteren Jahren geben spärliche Hinweise auf eine
ungewöhnlich heftige Liebesgeschichte zwischen Lina Bögli und einem polnischen
Offizier, die im Februar 1892 ihren Anfang nahm und bereits nach 5 Monaten, mit
dem Entschluss zur Weltreise am 2. Juli, endgültig aber mit der Abreise aus
Krakau am 12. Juli zu Ende ging. Lina Bögli kehrte auf den Tag genau zehn Jahre
später nach Krakau zurück. Besagter Offizier, „mit dem sie gemäß Verabredung in
diesen zehn Jahren nie in schriftlichem Verkehr gestanden hatte“[13], erwartete sie in Zivil am Bahnhof und
wiederholte seinen Heiratsantrag. Lina Bögli schlug ihn abermals aus. Der
berufliche Weg führte Lina Bögli, nachdem sie in Kwiatonowice ihren Briefroman
„Vorwärts“ zuerst in englischer, dann in deutscher Sprache verfasst hatte, zu
Beginn des Jahres 1904 quer durch Europa. Sie begleitete amerikanische Freunde
im Automobil[14]. Von Frühjahr 1904 bis Sommer 1905
stand sie im Dienst des Kaiserlichen Kammerherrn Skarzynski in Warschau. Anfang Juli kehrte sie
nach Krakau zurück: Wie glücklich ich
bin, Russland endlich den Rücken gekehrt zu haben, und in meinem lieben Krakau
zu sein! Und doch überkommt mich jedesmal eine sentimentale Traurigkeit, wenn
ich mich dieser Stadt nähere, wo ich die tiefste Episode, ja die einzige tiefe
Episode meines Lebens gelebt habe (TB 1.7.1905). Sie verbrachte
anschließend nur gerade 10 Tage in Kwiatonowice, bevor man sie nach Paris rief,
wo im Hotel Ritz ein amerikanisches Ehepaar mit Automobil wartete, mit dem sie
Europa bereisen sollte. Vom 1. November 1905 bis Ende Juni 1907 arbeitete Lina
Bögli in Krakau als Gesellschafterin der verwaisten Bankierstochter Numa
Epstein[15]; an den Nachmittagen erteilte sie
Englischunterricht in der Privatschule von Frau Tschopka. Im Sommer 1907
verließ sie Krakau für immer: Heute reise
ich also ab und vielleicht ist dies mein letzter Tag in Krakau, wenn ich
nämlich die Stelle in Friedrichshafen annehme oder erhalte (TB 29.6.1907).
Ab Herbst 1907 unterrichtete Lina Bögli Französisch am Königlichen
Paulinenstift in Friedrichshafen am Bodensee. Nach der Verstaatlichung dieser
Schule im Jahre 1910 wurde ihr Schweizer Lehrerinnendiplom nicht mehr
anerkannt, Lina Bögli sah sich gezwungen, eine neue Arbeit zu suchen. Außerdem
warteten Leser in der ganzen Welt nach der Lektüre von „Vorwärts“ auf eine
Fortsetzung. Lina Bögli wusste, dass sie an einem Ort weilend und arbeitend,
nichts zu beschreiben hatte. „Das Leben einer Institutslehrerin ist so
eintönig, dass ich darüber absolut nichts Neues zu sagen wüsste. Wohl habe ich
während der drei Jahre meines Aufenthaltes am schönen Bodensee ein
epochemachendes Ereignis mit durchlebt, die ersten Aufflüge der
Zeppelinluftschiffe; aber dieses zu beschreiben, dazu waren würdigere Federn da
als die meine.“ (Immer vorwärts, S. 1). Sie beschloss, nochmals auf eine Reise
aufzubrechen. „Immer
vorwärts“, der Bericht über die Asienreise erwähnt mit keinem Wort, dass der
Anlass zum erneuten Aufbruch ins Unbekannte die Arbeitslosigkeit der Autorin
war. Und Vorwärts“, der Briefroman über die Weltreise, verschweigt ganz, dass
die Briefschreiberin ja nur fort ging, um
[s]ich vor ihm und [sich] selber zu flüchten.
Krakau oder die Liebe zu B. –
der letzte und der erste Tag Besuchte in Krakau Kortka-Slapa, wo ich
vernahm, dass B. mit einer Münchnerin verheiratet ist und jetzt Kommandant in
Tarnów ist. Er hat also Karriere gemacht. (TB
17.3.1914). Der
29. Juni 1907 war nicht Lina Böglis letzter Tag in Krakau. Aber sie kehrte nie
wieder für längere Zeit in diese Stadt zurück. Im September 1913, nach ihrer
Asienreise, auf dem Weg zu Krystyna Sczaniecka nach Moszczenica, weilte Lina
Bögli auf der Durchreise kurz in Krakau. Und dann am 17. März 1914 noch ein
allerletztes Mal, auf der Rückreise, auf dem endgültigen Weg nach Hause, ins
Eckzimmer im „Kreuz“ in Herzogenbuchsee. „B.“, der polnische Offizier im
Dienste des österreichischen Kaisers geistert über zwei Jahrzehnte verkürzt,
verkleinert und anonymisiert als Initiale durch Lina Böglis Tagebücher. Bis zum
1. Oktober 1914, als im „Kreuz“ Post von Mimi, der jüngsten Sczaniecki-Tochter
Krystyna, eintrifft: Erhielt von Mimi aus
Pardubice in Böhmen, wohin sich die ganze Familie geflüchtet hat, eine Karte,
von der die Schlussworte waren: Bijak lebt nicht mehr, er ist den Heldentod
gestorben (TB 1.10.1914). Mimi ist es zu verdanken, dass wir den Namen des
Mannes kennen. Lina Bögli hat ihn selbst nie über die Lippen, nie aufs Papier
gebracht. Sie pflegte, was ihr wichtig erschien aus ihrer umfangreichen
Korrespondenz, jeweils im Tagebuch wörtlich wiederzugeben. Ein über Jahrzehnte
erprobtes Prozedere. Im Zitat fällt also der Name des einzigen Mannes, den ich je geliebt. Endlich, nach 22 Jahren! Und
nach weiteren 85 Jahren schritt ich ein. Ich steckte mitten in den
Vorbereitungen meines Referats für eine literaturwissenschaftliche Konferenz
zum Thema „Der Mensch unterwegs“ in Bydgoszcz, Polen. Ich hatte die Idee, Lina
Bögli, von der ich aus „Talofa“ nur so viel wusste, dass ihre Weltreise in
Krakau begann und endete, sozusagen in die Hände der Polen zurückzulegen.
Glücklich über den Namensfund im Tagebuch von 1914[16] richtete ich meine Anfrage an das
Österreichische Kriegsarchiv in Wien. Ließ Bijak suchen. Umgehend wurde mir
mitgeteilt, dass ein „1914 gefallener Offizier namens Bijak nicht nachgewiesen
werden konnte“. Hingegen fand sich in den Akten ein „am 14. September 1860
geborener Offizier Juljus Bijak. Er war geboren in Biadolin/Galizien, das
Heimatrecht besaß er in Wadowice/Galizien. Allerdings ist dieser Offzier nicht
1914 gefallen, er war 1914 bereits Oberst und Kommandant des k.u.k. Infanterieregiments
Graf Daun Nr. 56, 1918 rückte er noch zum Generalmajor vor. Nach einer hier
vorliegenden Notiz verstarb er am 21.4.1943 in Wadowice.“[17] Das
Geburtsdatum findet sich übereinstimmend im Tagebuch: Heute ist B’s Geburtstag. Ob er wohl noch lebt und wenn ja, ob er sich
im Schlachtengetümmel des Tages erinnert. Ich hätte es ja eigentlich auch nicht
mehr gewusst, wenn ich nicht in meinem Geburtstagsbüchlein jeden Tag den Spruch
für den Tag lesen würde (TB 14.9.1914). Auch
der südwestlich von Krakau gelegene Ort Wadowice[18] fällt im Tagebuch im Zusammenhang mit
B.: Zum Tee war ich bei Olga Slapa
geladen, wir waren anfangs allein und da sie diese Tage in Wadowice B. traf,
kam sie auf ihn zu sprechen und sagte mir unter anderem, dass er einmal in
ihrer Gegenwart meine Geistes- und Charaktervorzüge hervorgehoben habe, aber
beigefügt, dass es mir an Herz, an echter Weiblichkeit fehle! (TB
2.4.1907). Und
die Todesnachricht vom 1.10.1914 wird später relativiert: Diesen Abend erhielt ich einen Brief von Mimi, in welchem sie mir sagt,
dass B. nicht tot sei, sondern in russischer Gefangenschaft, was ja eigentlich
viel schlimmer ist. Er soll in der Schlacht bei Kaliag verwundet worden sein
und als die Rotkreuzler ihn wegnehmen
wollten, gebeten haben, zuerst die anderen Verwundeten zu nehmen, er könne
warten. Mittlerweile nahmen ihn die Russen.
(TB 11.11.1914). Juljus
Bijak wurde laut eigener Aufzeichnungen[19] am 15. September 1914, also am Tag
nach seinem Geburtstag, in Zaleszany verletzt: „Ich wache auf und liege auf einer
Tragbahre. Ein russischer Soldat hebt den Mantel hoch, mit dem ich zugedeckt
bin, und ruft ‚das ist ein General‘. Neben mir ruhen sich die Sanitäter aus,
die mich hergetragen haben, etwas weiter weg steht eine lange Reihe riesiger
Artillerierappen, die auf ihnen sitzenden Soldaten betrachten mich neugierig.
Ich bedecke mein Gesicht mit dem Mantel und mit einem unangenehmen Gefühl der
Demütigung. Ich war in Gefangenschaft.”[20] Bijaks Kriegserinnerungen lassen auch
Zweifel an der Behauptung aufkommen, er sei „mit einer Münchnerin“ verheiratet.
Die „Familie“ wird gerade zweimal erwähnt: Im Oktober 1914 schreibt er den
ersten Brief „an die Familie“ aus einem Moskauer Militärkrankenhaus und läßt
ihn von Bekannten über Kopenhagen spedieren[21]; nach der Rückkehr aus der
Gefangenschaft im April 1917 reist er als erstes nach Wadowice, um „die Mutter
zu besuchen“[22]. Anschließend nimmt er an Gefechten in
Italien teil. Nach Kriegsende wird er zum Divisionsgeneral befördert und läßt
sich in ganz Polen (Przemysl, Bielsko, Poznan, Ostseeküste, Chelmno) einsetzen,
um die neue polnische Armee aufzubauen. Im April 1921 wird er in den Ruhestand
versetzt. Juljus
Bijak überlebte Lina Bögli um ein Jahr und vier Monate. In seinen Erinnerungen
erwähnte er sie mit keinem Wort. Die
vermeintliche Todesnachricht erreichte Lina Bögli im Eckzimmer im zweiten Stock
des „Kreuz“ in Herzogenbuchsee. Im Tagebuch nannte sie an jenem Tag die äußeren
Gründe, weshalb eine Verbindung mit B. nicht zustande kam: Mir ist heute so sehnsüchtig zu Mute, dass ich gerne auch sterben
würde, um zu ihm zu gehen und ihm das zu sein, was ich auf dieser Welt nicht
sein konnte, und warum nicht? Weil uns beiden die Offizierskaution fehlte,
50’000 Kronen, lumpige fünfzig tausend, die amerikanische Milliardäre allein
für den Blumenschmuck bei ihren Festlichkeiten ausgeben. Uns hat dieses elende,
lumpige Sümmchen Geld am Zusammenleben gehindert und jedes seinen Lebensweg
allein gehen lassen. Aber, wer weiß, zu was das gut war. Getrennt waren wir
jedenfalls nützlicher als zusammen. Also nicht klagen. In einer andern Existenz
kommen wir vielleicht zusammen, da, wo es keine Offizierskautionen mehr
braucht. (TB 1.10.1914). In
den Tagebüchern der Krakauer Jahre zwischen den beiden großen Reisen, von 1905
bis 1907, wird diese unglückliche Liebe weniger idealisiert. Lina Bögli litt
nach der zehnjährigen „freiwilligen Verbannung aus dem lieben alten Europa“
(Talofa, S. 268) immer noch an heftigem Liebeskummer und war weit entfernt von
einer demütigen Schicksalsergebenheit. Die Begegnungen mit B. in Krakau
verstörten sie zunehmend, auch wenn sie nur grußlos auf der Straße im
Vorübergehen stattfanden. Durch ihre Stellung als Gesellschafterin der reichen
Numa Epstein war es aber unvermeidlich, dass sie sich immer wieder bei gesellschaftlichen
Anlässen sahen. Bereits am ersten Tag in Krakau, beim ersten Spaziergang mit
Numa, traf Lina Bögli B. auf der Straße. Noch war sie glücklich darüber: Was auch dazu beitrug den Tag für mich schön
zu machen, ist die zufällige Begegnung mit B. Numa und ich gingen spazieren und
kaum waren wir aus dem Haus heraus, als er daher kam. Er sah mich aber so
streng und böse an, dass ich eine Weile lang dachte, er werde mich gar nicht
grüßen, aber trotzdem freue ich mich, ihn begegnet zu haben, gerade an diesem
ersten Tag
(TB 1.11.1905). Im Januar 1906
wunderte sie sich sogar Warum wir uns
eigentlich nie begegnen? (TB 9.1.1906). Bald
aber begann sie zu grübeln und zu hadern: Begegnete
in der Bracka B.; er auf einer Seite der Straße, ich auf der andern. Wir grüßten
einander ungemein freundlich, wie Menschen, die sich in der Gesellschaft
getroffen und oberflächlich kennen. Wie absurd es mir doch vorkommt, ohne ein
Wort an dem Menschen vorüberzugehen, der die allergrößte Rolle in meinem Leben
spielte! (TB 17.2.1906). Und
Lina Bögli beschloss „nach weiser Überlegung“, Begegnungen und vor allem jeden
Wortwechsel mit B. zu meiden: Heute früh vor neun Uhr, als ich zu
unserer Haustür heraus kam, rannte ich direkt auf B. zu. Er machte eine Mine
still zu stehen, doch brauste ich mit einem flüchtigen Kopfnicken vorbei, was
ich einen Augenblick später bereute, denn am Ende würde ich für jeden andern
wohlbekannten Mann still gestanden sein. Warum nicht für ihn. Und doch nach
weiser Überlegung sage ich mir, es ist besser, dass wir nie miteinander
sprechen; was würden wir uns auch zu sagen haben? Ja, es ist besser; ich bereue
es, ihn nicht gesprochen zu haben, aber es ist besser so (TB
23.11.1906). Ich musste heute im Auftrag von Numa
der Baronin Christiani einen Besuch machen und sonderbarerweise sah ich in der
Karmelicka wieder B., doch glaube ich, sah er mich nicht. (...) Übrigens ist es
mir lieber, wenn ich ihn nicht sehen muss, sein Anblick regt mich immer noch
auf, das fühle ich. Ich werde sehr wahrscheinlich doch nie ganz von dieser
Krankheit geheilt werden, das Einzige ist daher, uns nie zu sehen und nie
voneinander zu hören (TB 25.11.1906). Ausführlich
beschrieb Lina Bögli die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation im März 1907: Wir waren diesen Abend an einem Konzert der
Musikgesellschaft. B. war auch dort, wir grüßten einander, aber nur so von der
Ferne und das noch sehr kalt. Ich bin recht froh, dass ich ihn nur so selten
sehe, denn ich bin jedesmal, wenn ich ihn sehe, auf ein oder zwei Tage etwas
unglücklicher. (...) Seit 15 Jahren bemühe ich mich, den Menschen nicht zu
lieben, nicht an ihn zu denken, und jedesmal wenn ich ihn sehe, muss ich ein
Stück dieser Arbeit wieder von neuem anfangen. Meine Bekannten, die über- und
unterrichtet sind, sagen immer: „Warum ihm aus dem Weg gehen, warum solltet ihr
nicht Freunde sein können, bis ihr Eheleute werden könnt?“ Wie unsinnig ist
dieses Reden. Ist da auch nur die geringste Hoffnung auf ein eventuelles
Zusammenkommen? Sogar wenn wir es wünschten, was meinerseits und gewiss auch
seinerseits nicht mehr der Fall ist, wo würde ich je Geld genug finden für eine
Majors-Kaution! Und zu einem Freundschaftsbündnis fühle ich mich diesem einen
Mann gegenüber unfähig. Ich will alles oder nichts, und da das Nichts bei
weitem heilsamer für mein Glück und meine Ruhe ist, muss ich nun wünschen, ihn
so selten wie möglich zu sehen zu bekommen. Wann werde ich wohl alt genug sein,
dass mich sein Anblick nicht mehr erregt? Ich fürchte noch lange, lange nicht.
Oh, ich dumme alte Gans! (TB 1.3.1907). Im
April 1907 erreichte die einsame Auseinandersetzung mit sich selbst im Tagebuch
ihren Höhepunkt: nachdem Olga Slapa Lina Bögli erzählt hatte, dass B. der
Meinung sei, ihr fehle es an Herz, an
echter Weiblichkeit (TB 2.4.1907, siehe auch oben) schlägt der Kummer
sofort um in tiefe Verletztheit und Wut: Dieser
Mann, für den ich das größte Opfer gebracht habe, das eine Frau bringen kann,
d.h. aus purer Liebe zu ihm ihn verlassen habe, um nicht ein Hemmschuh in
seiner Karriere zu sein, aus purer Liebe zu ihm eine einsame alte Jungfer
bleibe, der Mann, für den ich fast alle Tränen meines Lebens geweint habe, den
ich heute noch nicht sehen kann, ohne zu leiden, weil ich eben meine Liebe nach
den 16 Jahren noch nicht überwunden habe, dieser Mann spricht mir Herz ab! Oh
krasser Männeregoismus! Weil ich ihm entflohen bin, um ihn und mich nicht ins
Elend zu ziehen, darum wirft er mir meine Hartherzigkeit vor. Für den
Riesenkampf von Pflicht, den ich gekämpft und der mich so viel Tränen, so
furchtbar viel Herzleid gekostet hat, ernte ich von dem Mann, für den ich
diesen Kampf gekämpft, solche Anerkennung? Wäre ich aber eine Intrigantin
gewesen und hätte für meinen Vorteil gearbeitet ohne an den Nachteil zu denken,
den es für ihn sein würde, da hätte ich ihn ins Elend gezogen, aber das hätte
er jedenfalls als die echte Liebe betrachtet! Schwach sein, heißt für die
Männer „Herz haben“. Stark sein und das Rechte tun, weil man es für recht hält,
das ist ganz einfach Herzlosigkeit. Oh, diese Ungerechtigkeiten. (TB
2.4.1907). Der
Leidensdruck wurde unerträglich. Lina Bögli musste Krakau ein zweites Mal
verlassen. Zu einer direkten Aussprache mit B. war sie nicht bereit: Ich hatte diesen Abend die Absicht, ihm zu
schreiben, da sage ich mir aber wieder: warum? Ein solcher Mann wo, wie es
scheint, Eitelkeit und Egoismus vorherrschen, kann ja ein edleres Gefühl nicht
verstehen. (TB 2.4.1907). Es
ist anzunehmen, dass die beiden seit Lina Böglis Abreise im Juli 1892 nicht
mehr miteinander über sich gesprochen hatten. Die Liebe scheiterte letztlich am
Kommunikationsentzug. An einer verbissenen Stummheit. Einem hartnäckigen
Schweigen. Und an einem wer weiß wie ungerechten Mutmassen über den anderen. An
einem sinnlos verhängten Briefverbot. An reiner Pflichterfüllung und hohem
Tugendkampf. An nicht eingestandenen Hoffnungen. Schon
1897 in Honolulu war es Lina Bögli klar, dass das Vergessen auf beiden Seiten
nicht gelang: Erhielt heute meinen
Krakauer Brief, er war von Fr. Olga Slapa. Sie schreibt, dass B. sich oft nach
mir erkundige [und] versprochen habe, meine Briefe nicht nur sorgsam
aufzubewahren aber sie, im Falle eines Krieges in sichere Hände zu geben. Auch
bei den Hoeck scheint er sich nun Nachricht von mir zu holen. Das Vergessen
scheint auf seiner Seite auch nicht besser zu gelingen als auf meiner. Wie und
wann werden wir uns wo[h]l wiedersehen? (TB 27.12.1897). Diese Briefe, die
er in sichere Hände zu geben bereit war, musste ihm Lina Bögli vor ihrer
Weltreise geschrieben haben. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach verloren
gegangen. Kennengelernt
hatten sie sich am 2. Februar 1892. Diesen Tag verriet Lina Bögli im Tagebuch
von 1906. Ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Packte sie ihren ersten
gemeinsamen Tag in die Bezeichnung einer literarischen Epoche: Wir waren diesen Abend in einem Konzert im
Lokal von einer französischen Gesellschaft, welche auf lauter alten
Instrumenten spielten (...). B. war auch dort, da er aber in derselben Reihe
saß wie wir, bemerkte ich ihn erst am Ende. Wir wechselten einen sehr
zeremoniösen Gruß miteinander. Ob er sich wohl erinnert, dass es heute 14 Jahre
her sind, dass die Sturm- und Drangperiode unserer Liebe begann! (TB
2.2.1906).
War Lina Bögli eine
Schriftstellerin? Eine Sprachkünstlerin bin ich nicht,
hätte auch nie an das Schriftstellern gedacht, wenn ich nicht so vieles zu
sagen hätte, das andern nützen kann.
(TB 12.7.1915). Lina
Bögli ist Autorin von zwei literarischen Werken, dem Briefroman „Vorwärts“ und
dem Reisebericht „Immer vorwärts“, sowie von ca 6000 handschriftlichen, unveröffentlichten
Tagebuchseiten. Ihre umfangreiche private Korrespondenz muss nach heutigem
Forschungsstand als verloren gelten. Die Tagebücher, 26 Bände von 1893 bis 1940[23], wurden leider erst nach der
Neuauflage von „Vorwärts“ wieder entdeckt[24]. 1990
druckte der Zürcher eFeF Verlag „Vorwärts“ mit einem Nachwort der Schweizer
Germanistin Doris Stump nach. Um Verwechslungen mit „Vorwärts“, der
Wochenzeitung der Partei der Arbeit der Schweiz zu vermeiden, gab der Verlag
dem Buch einen neuen Titel, den samoanischen Gruß „Talofa“[25]. Diese Werbemaßnahme hätte Lina Bögli
wahrscheinlich sogar gutheißen können. Der ursprüngliche Titel knüpft an den
Namen des Schiffes an, mit dem die Autorin von Triest nach Brindisi fuhr, wo
sie den Dampfer nach Australien bestieg. Im neuen Titel bedeutet das „alo“
(samoanisch „talofa“, hawaiisch „aloha“) Raum, und das „fa“ bzw. „ha“ Atem. Wer
mit „talofa“ begrüßt, lädt in sein Haus ein: komm, teile meinen Raum, teile
meinen Atem. Unverzeihlich
hingegen ist, gerade auch wegen des neuen, einladenden Titels, dass Doris Stump
im Nachwort „an der Wahrhaftigkeit von Lina Böglis Erlebnissen“ zweifelt und
sich „wiederholt“ fragt, „ob diese Briefe von einer Reise um die Welt nicht
doch die Fiktion einer jungen Frau seien, die in ihrer Phantasie aus der Enge
des Erzieherinnendaseins in Europa ausbrechen wollte und sich durch die Lektüre
von Reiseliteratur das nötige Wissen für diese Briefe erwarb.“ (Talofa, S. 277
f.). Einen schlechteren Dienst konnte die Germanistin der vergessenen Autorin
nicht erweisen. Zur
Niederschrift ihrer literarischen Werke zog sich Lina Bögli immer auf die
Landgüter der von Sczanieckies zurück. Der Briefroman „Vorwärts“ entstand in
Kwiatonowice 1902/1903 aufgrund der Tagebuchaufzeichnungen von der Weltreise.
1904 erschien zuerst die von der Autorin selbst besorgte englische Ausgabe.
1906 veröffentlichte der Verlag Huber in Frauenfeld die deutsche Erstauflage
und legte das Buch in den darauf folgenden Jahren mehrmals neu auf. Lina Bögli
widmete den Roman „den lieben Freundinnen rings auf dem Erdball: den jungen
Mädchen“. Er soll insgesamt in neun Sprachen übersetzt worden sein.
Verifizieren ließen sich die Übersetzung ins Französische von Gabrielle Godet
(„En avant“ Payot, Genf 1907, mehrere Auflagen, die letzte 1922) und die von
Marya Swiderska ins Polnische („Avanti“ Ksiegarnia Polska B. Polonieckiego, Lwow
1908). Die Briefe an Elisabeth, eine Freundin in der Schweiz[26] sind dynamisch, sorgfältig formuliert
und klug komponiert. Die Zeit für das Schreiben ist logischerweise begrenzt,
die Autorin muss, wie wir wissen, arbeiten. Deshalb schreibt sie oft von
unterwegs, während der Schulferien, oder auf den Schiffen, die sie von einem
Kontinent zum anderen bringen, von einer Insel auf die andere (vgl. die Briefe
An Bord des Vorwärts, 16. Juli 1892;
An Bord des Ballarat, 20. Juli und 23
Juli 1892; An Bord der Alameda, 23.
Januar und 24. Januar 1897; An Bord des Dampfers Zealandia, 28 Februar 1897; An Bord des Belgenland, 11. Juni 1902). Es ist auch verständlich, dass sie in
ihren Briefen viel Platz all dem widmet, was sie sieht und hört, und nur wenig
darüber berichtet, was sie selbst tut oder wie sie sich fühlt. Auch
ihr zweites Buch, den Bericht über den dreijährigen Aufenthalt in Asien „Immer
vorwärts“ verfasste Lina Bögli in Galizien. Diesmal, im Winter 1913/1914 wohnte
sie nicht bei ihren Wahleltern in Kwiatonowice, sondern auf dem Nachbargut
Moszczenica. Der einzige männliche Spross der Familie von Sczaniecki, Stefan
hatte mittlerweile das Gutshaus in Kwiatonowice mit seiner Frau und vier
kleinen Kindern übernommen. Seine unverheiratete Schwester Krystyna, von Lina
Bögli in den Tagebüchern „Mimi“ genannt, erhielt im Nachbardorf Moszczenica ein
eigenes Anwesen. Lina Bögli fühlte sich schon seit längerer Zeit Mimi sehr
verbunden[27] und war überglücklich, „Immer
vorwärts“ in Moszczenica schreiben zu dürfen[28]. Die Asienreportage ist nicht nur
anders aufgebaut als der Briefroman, sie ist auch von einer anderen Hand, einer
veränderten Persönlichkeit geschrieben: Die Erzählerin liefert uns ungeordnete
Notizen, die literarisch wenig gestaltet sind, zufällig wirken und keinen
konkreten Adressaten haben. Die Reisende bewegt sich kaum und berichtet in der
Hauptsache von zwei geografischen Positionen aus: von Tokio in Japan und von
Nanjing in China. Entsprechend statisch wirken die Texte. Die beschriebene Welt
befindet sich in Stagnation. Dagegen ist das Selbstbefinden der Reporterin ein
ständiges und einzig bewegtes Thema: in Tokio kann sie sich nicht mit ihrer
Situation einer Frau und Ausländerin abfinden, die keinen Zugang zur
japanischen Gesellschaft bekommt. Sie verkehrt in den Kreisen von Ausländern,
die der gehobenen Klasse angehören und meist Angehörige europäischer
Botschaften sind. Aus dieser künstlichen Welt heraus präsentiert sie sich als
überhebliche Beobachterin einer sie abweisenden fremden Kultur. Sie mag weder
die traditionelle japanische Art zu wohnen, noch zu essen. Am meisten fehlt ihr
das Brot. Sie weigert sich bis zum letzten Tag in Asien, mit Stäbchen zu essen.
Nach China reist sie sich nicht aufs Geratewohl, wie während zehn Jahren rund
um die Welt. Bekannte vermitteln sie als Erzieherin an amerikanische Missionare
in Nanjing. Zwei Tage, nachdem sie die Grenze überschritten hat, berichtet sie:
„Ich passe nicht nach China“. (Immer vorwärts, S. 229). China verändert aber
ihren Blick auf Japan. Alles was vorher kalt, unverbindlich und unverständlich
blieb, scheint jetzt geradezu wunderbar geordnet. Denn China versinkt in den
Augen der Erzählerin im Chaos. Und die Arbeit in Nanjing langweilt sie. Die
normalen Leute verachtet sie: sie sind schmutzig, lärmend, hässlich, tragen
zerrissene Kleider und Schuhe, sind „bezopft“. Diese Bezeichnung benützt sie
als Schimpfwort für die feudale Vergangenheit, genauso wie „kleine Füße“, die
sogenannten „Lilienfüßchen“. Die Reporterin scheint sich nicht darüber im
Klaren zu sein, dass kaum ein Jahr seit dem Sturz des jahrtausendealten
chinesischen Kaisertums vergangen war. „Immer
vorwärts“ erschien im Mai 1915, mitten im ersten Weltkrieg, im Verlag Huber[29], die französische Übersetzung „En
avant toujours“ 1916 bei Payot. Ein breites internationales Echo, wie nach
„Vorwärts“, blieb aus. Lina
Bögli erwartete das Erscheinen ihres zweiten Buches mit Bangen im Tagebuch: Was wird wohl in nächster Zeit meiner
warten? Wird die Leserwelt mein Büchlein freundlich aufnehmen oder scharf
kritisierend. Als „Vorwärts“ erschien, war ich in Galizien und hörte nichts von
den Pressestimmen (TB 17. Mai 1915). Auf die positiven Rezensionen
reagierte sie mit einer klaren Selbsteinschätzung: Diesen Abend las ich dann noch die Rezension über „Immer vorwärts“ in
der Neuen Zürcher Zeitung. Sie ist kürzer als die Bund-Rezension aber fast
ebenso schmeichelhaft, wenn auch weniger warmherzig. Ob ich denn wirklich so
gut schreibe, wie die Herren alle behaupten? Ich kann es gar nicht glauben,
denn was man gut kann, tut man gewöhnlich auch gerne und ich kann nicht
behaupten, dass ich gern schreibe. (TB 6.6.1915).
Die RückkehrHeute beendete ich endlich das letzte
Kinderkleid für die 6köpfige Kinderfamilie unserer Magd und ich bin herzlich
froh, dass die Näherei ein Ende hat. Eigentlich habe ich diesen Winter mehr
genäht als vorher in einigen Jahren und das noch neben der Schriftstellerei
her. Meine ganze Aussteuer, so wie Kleider und Hosen für die Kinder. (TB 9.3.1914). Mit
fast 56 Jahren tat Lina Bögli das, was Frauen normalerweise in einem zarteren
Alter und in Erwartung einer baldigen Eheschließung tun: Sie nähte ihre
Aussteuer. Das Eckzimmer im zweiten Stockwerk des „Kreuz“ in Herzogenbuchsee
war das erste - und blieb das einzige - eigene Zimmer in ihrem Leben. Sie
musste einen Hausstand gründen, Möbel kaufen. Der Schreiner hat mir mein Miniaturbett gebracht, das ich mit den
chinesischen Mandarinenröcken zu einer Art Divan gemacht habe, der nicht viel
schlafzimmerartiges an sich hat (TB 2.10.1914). Gegen Jahresende wurde ihr
Zimmer wohnlich: Ich machte (...) eine
ganze Menge Haushaltungseinkäufe: einen Küchentisch für meine Küche hinter dem
Paravent und ein vollständiges Waschservice von Email, das ich wenigstens nicht
zerschlagen kann. Einen hübschen Blumentisch habe ich mir auch angeschafft.
(...) War auch noch beim Schreiner, um mir Stühle zu bestellen. Dabei erzählte
er mir, dass fast sämtliche Möbel aus den Nussbäumen gemacht seien, die er dem
Franz in Spich abgekauft habe. Also waren diese Möbel, die jetzt die Kameraden
meiner alten Tage sein werden, in Baumform die Zeugen meiner kindlichen Sorgen
und Vergnügen; und manch einen Kleider- oder Schürzenflecken habe ich in ihren
Ästen hängen lassen. Meine Möbel werden mir daher jetzt fast wie wirkliche
Wesen lieb werden (TB 14.12.1914). Das
„Kreuz“ war um einen Neubau erweitert worden, in Rahmen dieser Arbeiten wurde
auch im alten Haus Zentralheizung eingebaut: Heute ist ein großer Tag in den Kreuzannalen, denn heute funktioniert
zum ersten Male unsere Zentralheizung. Der Gedanke, nicht mehr den Staub und
alle anderen Unannehmlichkeiten der Ofenheizung zu haben, ist herrlich (TB 18.12.1914). Lina
Bögli führte ein sehr geregeltes Leben. Putzte jeden Samstag ihr Zimmer. Lebte
sparsam. Ich lebe fast nur von Obst, das
ich von Spich und Bollodingen bekommen habe, Brot und Käs und hie und da ein
Ei. Fleisch esse ich selten und gehe höchstens zwei Mal in der Woche hinunter
zum Essen. (...) Mein Getränk ist das klare, schöne Wasser, nur selten
schwacher Kaffee oder Tee. Wenn nicht die Wohnung wäre, so könnte ich es dem
amerikanischen Philosophen Thoreau, der mit 5 Dollar monatlich in seiner
Einsiedelei auskam, zuvortun. Nur bei der Wohnung hört mein Entbehren auf.
Sauber und hell zu wohnen ist mir Bedürfnis, wenn ich dies nicht hätte, wäre
ich sehr unglücklich, während das Entsagen im Essen und Trinken mich eher
freudig als traurig stimmt. Ich bin jedesmal so dankbar für mein frugales Mahl,
wie ich es für die fürstlichen Essen, deren ich im Leben so viele genoss, nie
war. Ich esse zwar auf einem gedeckten Tisch, aus schönem Porzellan und mit dem
Besteck des Königs Kalakaua, das mir die Dodges zum Abschied von Honolulu
präsentierten. Das ist allerdings auch ein Luxus, aber einer, der mich nichts
kostet - als das Waschen der Tischtücher - und mir sehr, sehr wohltuend ist
(TB 20.9.1914). Sie ging an jedem Neujahrstag zur Predigt und bezahlte
anschließend Frau Moser die Miete für zwölf Monate, 300 Franken[30]. Sie verabschiedete immer im Tagebuch
an Silvester das alte Jahr mit fast gleichlautenden Worten: Also adieu, du liebes altes Jahr, Tausend
Dank für alles, was du mir gebracht! (TB 31.12.1919). Bis zum Dezember
1940. Der letzte Eintrag im letzten Tagebuch lautet: Es ist ein wundervoller Wintertag; aber mir geht es nicht besser (TB 28.12.1940). Sie besaß nicht mehr die Kraft, das Jahr abzuschließen mit ihrer üblichen Danksagung. Zwei Tage zuvor hatte sie notiert: Jetzt bin ich ganz blind am linken Auge. Alles geht dem Ende entgegen! (sic! TB 26.12.1940). Sie
lebte noch fast ein Jahr. Aber die Tage wurden nicht mehr hell. Sie starb am
Tag der Wintersonnenwende, am 22. Dezember 1941. Der
Grabstein stand schon seit Jahren bereit. Von ihr selbst entworfen. Eine Taube
mit weit ausgebreiteten Flügeln. In der Luft. Über einer winzigen Erdkugel. Die
Inschrift „vorwärts – aufwärts“ eingemeißelt. Und der Name. Das Geburtsjahr.
Nur das Todesjahr fehlte. Lina Böglis letztem Wunsch entsprechend fand die Leichenfeier
im Schulhaus Oschwand statt. Der Sarg wurde in der Schulstube aufgebahrt. Auch
für das Leichenmahl im Wirtshaus gegenüber hatte sie vorgesorgt. * * * Mit
herzlichem Dank an Johanna
und Paul
Bögli, New Holland, USA Annie
und Rudolf Flückiger, Neuhaus, Schweiz Magdalena Miller und Kasper Swierzowski, Kwiatonowice,
Polen Quellen Lina Bögli:
-
Forward. Lippincott Company, Philadelphia and London 1904 -
Vorwärts. Briefe von
einer Reise um die Welt. Huber, Frauenfeld 1906; mehrere Auflagen bis 11. und
12. Tausend 1921 -
Talofa. In zehn
Jahren um die Welt. Mit einem Nachwort von Doris Stump. eFeF-Verlag, Zürich
1990 (Nachdruck von „Vorwärts“) -
En avant. Payot,
Lausanne et Genève 1907; mehrere Auflagen bis 1921 -
Avanti. Listy z podrozy naokolo swiata. Lwow 1908 -
Immer vorwärts.
Huber, Frauenfeld 1915 -
En avant toujours. Payot, Lausanne et Genève 1916 -
Tagebücher 1893 bis
1940. Unveröffentlicht, Privatbesitz General Juljusz Bijak. Wspomnienia ze sluzby
wojskowej [Erinnerungen an den Kriegsdienst]. Poznan 1929 Amy Moser. Erinnerungen an Lina Bögli.
Buchdruckerei Fritz Pochon-Jent AG, Bern 1942 Elisa Strub. Lina Bögli, Ein reiches Frauenleben.
Schweizer Spiegel Verlag, Zürich 1949 Jerzy
Sczaniecki. Wspomnienia
Jerzego Sczanieckiego, syna Stefana i Izabelli z Kalenskich Sczanieckich z
Kwiatonowic kolo Gorlic. Cz. I Historia Rodu [Erinnerungen von Jerzy
Sczaniecki, Sohn des Stefan und der Izabella von Kalenska Sczaniecki aus
Kwiatonowice bei Gorlice. Teil I:
Familiengeschichte]. Krakow 1977 Susanne Härtel und Magdalena
Köster (Hg.) Die Reisen der Frauen.
Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1994 (über Lina Bögli S. 109 – 131:
Doris Stump. „Ja, ein Mann zu sein, das wäre Freiheit.“) Sabine Kubli und Doris
Stump (Hg.). Viel Köpfe,
viel Sinn. Texte von Autorinnen aus der deutschsprachigen Schweiz 1795 - 1945.
eFeF Verlag, Bern 1994 (über Lina Bögli S. 120 - 121) Catherine Fussinger. L’ascension sociale, une émancipation pour les femmes? Réflexions autour du parcours de Lina
Bögli (1858-1941) [Der soziale Aufstieg, eine Emanzipation für die Frauen?
Überlegungen zur Reise von Lina Bögli]. In: Traverse. Revue d’histoire 1995/2,
S. 66-77 Ruedi Flückiger. Lina Bögli 1858-1941. Jahrbuch des
Oberaargaus 39, 1996, S. 31-46 Judith Arlt. Lina Bögli czyli Szwajcarka w drodze
[Lina Bögli – oder eine Schweizerin unterwegs]. In: Czlowiek w
drodze, Tom II: Miedzy tekstem a osoba. Bydgoszcz
2000, S. 131 - 152 [Materialienband zur Konferenz „Der Mensch unterwegs“,
Kasimir-der-Grosse-Universität Bydgoszcz, 3. – 5.11.1999] Judith Arlt. Bigos Czerwcowy [Junibigos]. In: FRAZA, Rzeszow,
Nr. 3(29)2000, S. 266 –272
Bearbeitungen: Lina Böglis
Reise. Ein Abend mit
Christoph Marthaler nach Texten von Lina Bögli. Uraufführung 1996 Basel
Badischer Bahnhof, weitere Aufführungen 1997 Volksbühne Berlin, in den
Folgejahren mehrmals Schauspielhaus Zürich. Lina Böglis
Reise. Hörspiel nach dem
Abend mit Christoph Marthaler. Produktion: DeutschlandRadio Berlin 1996. Judith Arlt. Zu Fuß auf den Haleakala. Roman. Berlin ©
Judith Arlt, 2004 [1] Lina Bögli.
Vorwärts. Frauenfeld 1906, zitiert nach der Neuauflage: Talofa. Zürich 1990, S.
168. Im Folgenden zitiert mit „Talofa“. [2] Vgl.
Tagebuch von 1910: Habe Aufsicht heute,
meine letzte Samstagsaufsicht im Stift; habe dabei eine ganze Masse Briefe
geschrieben (...) an verschiedene Zeitungen: Gutenbergs illustriertes Blatt in
Berlin, schwäb. Merkur, Thurgauer Zeitung, Berner Bund, um ihnen meine
Reiseberichte anzutragen. Bin nun neugierig, was ich für Antworten erhalte.
Früher hatten mir ja zwei davon solche Angebote gemacht; ob sie es jetzt noch
tun werden? (TB 21.8.1910); Erhielt
von Huber & Co einen recht freundlichen Brief, in welchem sie mich bitten,
ihnen das Verlagsrecht für mein nächstes Buch zu geben; auch für ihre Zeitung
werde ich schreiben u. zwar nur für sie, da sie nicht wünschen, dass Zeitungen
wie der Bund dasselbe veröffentlichen. Nur gegen das Berlinerblatt haben sie
nichts, weil das einen ganz andern Leserkreis hat; nun verlangt aber Gutenbergs
Sonntagsblatt die Primeur, und da ich die nicht gerade Preußen geben möchte,
wenn meine eigenen Landsleute auch da sind, habe ich ihnen abgeschrieben. (TB
24.8.1910) [3] Lina Bögli.
Immer vorwärts. Frauenfeld 1915, S. 296. Im Folgenden zitiert mit „Immer
vorwärts“. [4] Immer
vorwärts, S. 343 [5] Amy Moser.
Erinnerungen an Lina Bögli. Bern 1942, S. 3 [6]
Ruedi
Flückiger. Lina Bögli 1858-1941. Jahrbuch des Oberaargaus 1996, Separatdruck,
S. 36 [7]
Nach einer schrecklichen Nacht soll ein
schrecklicher Tag gefolgt sein. Wir sind zwar in einem solchen
Belagerungszustand, dass wir nur sehr wenig von dem Vorgehen vernehmen können,
weil natürlich niemand zu uns kommt und wir nicht ausgehen dürfen. In der Früh
war alles ruhig und ich wollte sogar zur Kirche gehen, die Dienstboten baten
mich aber so sehr zu Hause zu bleiben und erzählten mir solche
Schauergeschichten, die sich in den Straßen abspielen sollen, dass ich ihnen
wirklich Gehör schenkte und zu Hause blieb. Doch ging ich auf einen Augenblick
in den englischen Club, der ganz nahe liegt weil ich dort heute Abend einen
Vortrag halten sollte. Wie ich zurück kam fand ich den ganzen Alexanderplatz so
mit Militär belegt, dass ich kaum durch konnte. Zu Hause angekommen hieß [es],
Herr Skarzynski sei ausgegangen um mich zu suchen, da ihm ein Offizier gesagt habe,
dass es noch sehr gefährlich sein werde, in der Stadt umher zu gehen, weil man
schießen werde. Das wurde dann wirklich auch getan, wir hörten beständiges
Feuern sogar auf dem Alexanderplatz. Ein junger Diener der Nachbarschaft
welcher neugierig seine Nase um die Straßenecke streckte, wurde
niedergeschossen. Ein Mann der an unserem Hause vorbei ging gerade als Hr. S.
im Begriff war auszugehen, riet ihm, zurück zu gehen, weil in der Nebenstraße
eine wahre Schlacht statt finde und der Boden bestreut sei mit Leichen. Sehr
wahrscheinlich ist das übertrieben, aber was wahr daran ist, wird noch
schrecklich genug sein. Aus guter Quelle d. h. im Schlosse des Gouverneurs
selbst, hörte heute Morgen der Hr. S., dass gegenwärtig eine Schlacht bei
Mukden [andauere] und dass bisher die größten Verluste auf russischer Seite
seien (TB
29.1.1905). Erhielt auch einen
rekommandierten Brief von Frl. B. Moser, welche mir anzeigt, dass sie sich an
den hohen Bundesrat gewendet habe mit der Bitte, mich durch die deutsche oder
französische Gesandtschaft beschützen zu lassen und mir das Geleit bis an die
Grenze geben zu lassen. Wie lieb von dem guten Fräulein, aber wie Don
Quichotisch es mir vorkommt, den Bundesrat meiner Wenigkeit wegen in Bewegung
zu setzen; eine obskure Persönlichkeit wie ich bin! Ich schäme mich bei dem
Gedanken, wie die Herren Gesandten in Warschau lachen werden (TB
27.5.1905). [8] Flückiger,
S. 38 [9] Der Vater,
Edward Günther war gegen die Verbindung seiner Tochter mit einem „Revolutionär,
Weltenbummler und Emigranten“, die wissenschaftlichen Qualifikationen des
zukünftigen Schwiegersohnes imponierten ihm wenig. Die Mutter hingegen, eine
polnische Patriotin, deren Bruder auch am Januaraufstand teilgenommen und deren
Großvater unter Kosciuszko gekämpft hatte, war Sczaniecki wohl gesonnen. Sie
hatte 1863, als er im Auftrag der Aufständischen in Frauenkleidung nach Krakau
reiste, in der vermeintlichen Engländerin Agnes Eckart den zukünftigen
Schwiegersohn erkannt. Er hatte sich durch „unweibliche“ Bewegungen verraten.
Siehe Erinnerungen von Jerzy Sczaniecki in polnischer Sprache: Wspomnienia
Jerzego Sczanieckiego, syna Stefana i Izabelli z Kalenskich Sczanieckich z
Kwiatonowic kolo Gorlic. Cz. I HISTORIA RODU, Krakow 1977, S. 30 ff – im
Folgenden in meiner freien Übersetzung deutsch zitiert als „Sczaniecki“. [10] “Ist es da zum Erstaunen, dass ich mit mehr Liebe an den
Sczaniecki, meinen geistigen Eltern hange als da, wo ich in meinen armen Jahren
weilte? Die Sczaniecki haben mich zu einem besseren Leben erweckt.“ Elisa
Strub. Lina Bögli, ein reiches Frauenleben. Zürich 1949, S. 13 [11] Sczaniecki,
S. 47-48 [12] „Das Leben
von Frau Lina bestand aus einem großen Abenteuer. Denn als meine Tanten und
mein Vater heranwuchsen und Schulen in Krakau besuchten, zog meine Großmutter
mit den Kindern in die Stadtwohnung. Auch Frau Lina wohnte damals in Krakau und
beschloss, dem Rat meines Großvaters folgend, eine Weltreise zu unternehmen und
mit Sprachunterricht Leben und Weiterreise zu finanzieren.” Sczaniecki, S. 47 [13] Flückiger, S.
40 [14] Heute ist es gerade ein Jahr her, dass ich
von Kwiatonowice abreiste, um meine Robinsonade durch Europa zu unternehmen. (TB
18.1.1905) [15] Ihr Bruder
tätigte Finanzgeschäfte in Fernost: Herr
Stephan Epstein, Direktor der Russisch-chinesischen Bank in Vladivostok ist
seit gestern bei uns. (TB 25.5.1907) [16] Rudolf
Flückiger stellte mir freundlicherweise die von ihm bereits transkribierten
Jahrgänge 1905, 1906 und 1914 der Tagebücher von Lina Bögli zur Verfügung. [17] Schreiben
des Österreichischen Kriegsarchiv vom 14. Jänner 2000 an JA. [18] Wadowice ist
der Geburtsort von Papst Johannes Paul II. Dessen Vater, Karl Wojtyla war
österreichischer Unteroffizier im k.u.k. Infanterieregiment Graf Daun Nr. 56,
in dem auch Bijak diente. (nach „Dolomiten”, 20.10.1997). Es ist also sehr
wahrscheinlich, dass Bijak den Vater des heutigen Papstes, sowie diesen selbst
als Kind gekannt hatte. [19] Das Buch
entdeckte Kasper Swierzowski, der heutige Besitzer des Gutshauses in
Kwiatonowice, im Heimatmuseum in Wadowice und stellte es mir freundlicherweise
zur Verfügung. [20] General
Juljusz Bijak, Wspomnienia ze sluzby wojskowej [Erinnerungen an den
Kriegsdienst]. Poznan 1929, S. 41. Hier und im Folgenden zitiert in meiner
freien deutschen Übersetzung als „Bijak”. [21] Bijak, S. 45 [22] Bijak, S. 86 [23] Die
Jahrgänge 1895, 1899, 1902-1904 sowie 1913 fehlen. Es ist sicher, dass Lina
Bögli schon vor 1893 Tagebuch geführt hat, fängt doch der erste vorhandene Band
am 10. Oktober 1893 mit dem Satz an: „Asham
School, Darling Point. Avec une nouvelle phase de ma vie je commence aussi un
nouveau livre.“ [Mit einer neuen Phase meines Lebens fange ich auch ein
neues Buch an]. Es könnte sein, dass Lina Bögli die Jahrgänge bis 1892 sowie
1902-1904 und 1913 in Kwiatonowice deponiert hatte, wo sie diese Jahre auch
vorwiegend verbracht hatte. Infolge der Kriegswirren könnten sie dann dort verloren
gegangen sein. Das Gutshaus in Kwiatonowice wurde seiner ausgezeichneten
strategischen Lage wegen im ersten Weltkrieg von den Russen, im zweiten von den
Deutschen besetzt und als Observierungsstation genutzt. Dazu wurde in beiden
Kriegen das Dach abgetragen. [24] „Die
Tagebücher verschrieb die Tante einer Nichte, meiner Cousine Alice Bögli,
Sekundarlehrerin in Frauenfeld.“ Schreiben von Paul Bögli an JA vom 10.7.2003 „Zu den Tagebüchern kam ich eigentlich wie die Jungfrau zum
Kind. Die Tagebücher lagen jahrzehntelang auf dem Estrich einer Nichte von L.B.
Nach deren Tod wurde das Haus geräumt und die Tagebücher kamen zu Familie Bögli
in Spich, den nächsten Verwandten. Dort bekam sie Frau Christine Widmer-Hesse
(Tochter des im vergangenen Sommer verstorbenen Kunstmalers Bruno Hesse,
Enkelin von Hermann H.) zu Gesicht. Böglis bedauerten sehr, die in deutscher
Sprache geschriebenen Tagebücher nicht lesen zu können, da sie bis 1914 in der
Sütterlinschrift geschrieben sind. Christine W. äußerte sich spontan: ‚Ach, das
ist etwas für Ruedi Flückiger, den pensionierten Schulmeister und
Lokalhistörler im Neuhaus.‘ Und so wurde mir der Schatz anvertraut.“ Schreiben
von Rudolf Flückiger an JA vom 3.12.1999 [25] „Ich gehe
seit zwei Wochen beständig mit einer samoanischen Grammatik unter dem Arm umher
und weiß außer Talofa , dem
samoanischen Gruß, noch kein Wort.“ (Talofa, S. 138 f.) [26] „Adressatin
der Briefe ist eine Elisabeth Beckström, von der es heißt, sie sei Linas beste
Schulfreundin in Neuenburg gewesen, über die aber weder im Buch noch in den
biographischen Darstellungen mehr zu erfahren ist.“ Doris Stump. „Ja, ein Mann
zu sein, das wäre Freiheit!“. Lina Bögli (1858-1941). In: S.Härtel, M.Köster
(Hg.) Die Reisen der Frauen. Lebensgeschichten von Frauen aus drei Jahrhunderten.
Weinheim und Basel 1994, S. 115. Doris Stump erklärt hier nicht, wie sie zu
dieser Annahme kommt. In „Talofa“ wird der Nachname der Briefempfängerin nie
genannt. Denkbar wäre, dass Lina Bögli den Vornamen Elisabeth wählte, weil ihre
Mutter so hieß. Tatsächlich korrespondierte sie aber mit Elisabeth Beckström
seit Beginn ihrer Weltreise: J’ai eu
hière une lettre de Elisabeth Beckström. [Gestern hatte ich einen Brief von
Elisabeth Beckström]. (TB 13.10.1893) [27] War bei der Musia [= Maria Sczaniecka,
älteste Tochter], wo ich Frau v.
Sczaniecka antraf. Ich glaube, dass ihre Liebe zu mir abnimmt in dem Maß, als
die von Mimi wächst. Vielleicht ist es natürlich. (TB 14.4.1906) [28] Glücklicherweise ist Mimis Häuschen, das sie
sich selbst hat bauen lassen, so ausgezeichnet gebaut, dass es trotz der Kälte
ganz warm ist in den Zimmern. Ich trage selten einen Shawl über der seidenen
Blouse, (...) so angenehm ist die Temperatur. Wie vieles musste ich letzten
Winter in Nanking [=Nanjing] tragen, um nicht zu erfrieren. Auch ist Mimis
Häuschen so sturmfest, dass es eine Lust ist. Während den vergangenen
stürmischen Tage hat nie eine Türe, nie ein Fenster gerüttelt. Ich glaube gar
nicht, dass ich je einen Winter so mollig warm verlebt habe, obwohl ich fast
die Hälfte meiner Winter in sog. mildem oder winterlosem Klima verlebt habe.
(TB 14.1.1914) [29] Das Buch
sollte bereits 1914 erscheinen, wurde dann aber ein Opfer des Krieges (TB 11.11.1914). Der Verlag schien dennoch große
Hoffnung in „Immer vorwärts“ zu setzen: Ich
erhielt von Huber einen Vorschuss auf mein noch in der Luft schwebendes Buch,
und zwar die unverhofft große Summe von 1000 Franken (TB 23.12.1914). Im
Vergleich dazu fiel das Honorar für „Vorwärts“ für das erste Halbjahr 1914
bescheiden aus: Erhielt heute als
Morgengruß von Huber Fr. 174.60 für “Vorwärts”. (TB 23.9.1914) [30] Nach der Predigt ging ich Frau Amelie Moser
meine Gratulationsvisite machen und zugleich meine Zimmermiete für 1918 zu
bezahlen (TB 1.1.1918). Als ich nach
der Predigt bei Frau Moser war, um meine Zimmermiete bis zum Neujahr 1923 zu
bezahlen, traf ich dort ... (TB 1.1.1922).
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