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 Last updated: 01/2008

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Kein Märchen

Ich bin in einem Land groß geworden, in dem es von Naturschauspielen nur so wimmelt. Eines darf hier erzählt werden: alle 19 Jahre scheinen Sonne und Mond am gleichen Tag durch das Martinsloch in den Luftkurort Elm. Zum letzten Mal geschah dies am 30. September 2001. Mehrere Zehntausend Schaulustige, angereist aus allen Ecken des Landes, kämpften in der Nacht um die besten Lauerplätze in den Steilhängen der Tschingelhörner oberhalb des Dorfes. Die Vorsehung war gnädig, das Spektakel fand diesmal an einem Sonntag statt. Noch vor Beginn der heiligen Messe trafen um 9:33 Uhr die Sonnenstrahlen den Kirchturm. Die wolkenlose Verbindung durch das natürliche Fenster im großen Tschingelhorn – der heilige Martin soll es einst im Zorn über die Schlechtigkeit der Menschen hier in den Fels gehauen haben – dauerte 3 Minuten. Am Abend starrte der erste Herbstvollmond des neuen Jahrtausends um 20:20 Uhr durch das Martinsloch auf den letzten bewohnten Flecken Erde im Tal. Auch sein kaltes Staunen war nach 3 Minuten zu Ende.

Ich bin groß geworden in der Gewissheit, dass mein Land wohlhabend ist, weil wir fleißige Bewohner sind, pünktlich zur Arbeit erscheinen und regelmäßig unseren Dreck zusammenkehren. Ich hatte nie einen Grund, diese irdische Ordnung zu hinterfragen. Unsere Großmutter war gerecht und schenkte jedem von uns neun Enkelkindern zu Weihnachten jeweils ein Goldvreneli. Natürlich hätten wir lieber eine Puppenstube, eine Spielzeugpistole oder eine elektrische Eisenbahn bekommen. Aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Goldmünzen wie an die Sernftaler sonnenlosen Wintermonate.

Wenn ich mich heute schäme, dann wegen meines hirnlosen Großwerdens. Und einer fatalen Gewöhnung.

Die Sonne scheint zweimal im Jahr durch das Martinsloch. Der Mond nur alle 19 Jahre einmal. Schuld daran ist die Lunisolarpräzession. Und die Nutation des Mondes. Himmelskörper rotieren nach eigenen Regeln. Jeweils um den 1. Oktober zeigt sich die Sonne zum letzten Mal in Elm. Durch das Martinsloch. Danach steigt sie nicht mehr über die Gipfelreihe der Tschingelhörner und überläßt das Tal dem Winterschatten. Erst am 12. März fällt, wenn alles gut geht, ihr Licht erneut auf die Elmer Kirchturmspitze. Die Präzession bewirkt eine rückläufige Bewegung des Frühlingspunktes. Und die Dorfbewohner atmen auf.

Ich schäme mich für ein Land, das einem Naturschauspielhaus gleicht und in dem lauter HansguckindieLuft’s wohnen.

Die ersten Goldvreneli entstanden 1897 aus Gondoneser Gold. Die letzte Abbauphase des Goldbergwerks Gondo auf der Südseite des Simplons brachte einen Ertrag von 33 Kilogramm. Daraus wurden neue Münzen für den normalen Zahlungsverkehr geprägt. Die Schaffung eines Münzbildes war damals schon ein langwieriger Prozess. Im April 1895 setzte der Bundesrat eine Jury zur Beurteilung der eingegangenen Entwürfe ein. Der Kopf einer Frau – der Helvetia – sollte die Idee der Freiheit darstellen. Die Gesichtszüge durften nicht zu jung, nicht zu schwärmerisch, nicht zu individuell sein. Sondern mütterlich, reif. Stiefmütterlich. Streng. Auch über den Hintergrund erhitzten sich die Jurygemüter. Wieviel Gebirge erträgt ein Münzbild? Die Bergzüge am Horizont mussten herabgesetzt werden. Man wollte nicht ein Volk von Alphirten sein. Und die Haare. Eine frivole Stirnlocke musste eliminiert und die reiche Haarpracht in einem geflochtenem Zopf um den Hinterkopf gebändigt werden. Warum die Münze vom Volksmund vor dem zweiten Weltkrieg den Namen „Vreneli“ bekam, kann die Offizielle Münzstätte meines Landes „im Nachhinein nicht mehr feststellen“. Gedruckt taucht er erstmals 1943 auf. Aber sie gibt bekannt, dass die letzten Goldvreneli von „Februar 1945 bis April 1947“ geprägt wurden, „um die stark angewachsenen Goldbestände abzubauen“. Das Goldvreneli hatte nach dem Abwertungsbeschluss der Nationalbank von 1936 faktisch seinen Kurswert verloren. Es wurde, wie es heißt, „fortan vornehmlich gehortet“.

Ich schäme mich, weil ich nicht brüllend auf einer Spielzeugflinte bestanden hatte.

Mittlerweile ist erwiesen, dass mindestens 119,5 Kilogramm des sogenannten Melmer-Goldes – Gold aus dem Schmuck und aus den herausgebrochenen Zähnen von Opfern in den Konzentrationslagern, von SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer eingesammelt und an die Reichsbank abgeliefert – als Beimischungen verschmolzen mit anderen Goldbarren den Weg in die feuersicheren Tresore der Banken meines Landes fanden. Männer mit sauberen Fingernägeln und gestärkten Hemdkragen hoben in einem Eilbeschluss die Unterscheidung zwischen Vorkriegs- und Opfergold auf, ließen zwanzig Millionen Sammlervreneli prägen und auf 1935 vordatieren. Sie hofften damit „Spekulationen über die Herkunft des Goldes zu vermeiden“.

Jetzt fehlen mir die Worte.

Ich bin in einem neutralen Land groß geworden. Ich verließ es vor langer Zeit. In meinem Gepäck befinden sich seither 19 Goldvreneli. Stumme Zeugen meines spielzeugbefreiten Mündigwerdens. Jetzt, mitten in einer kalten Märznacht, breite ich die gehorteten Geschenke auf meinem Schreibtisch aus. Sortiere sie nach Jahreszahlen. Vier tragen das inkriminierte Datum „L 1935“. Das Internet klärt mich auf: Um diese Stücke von den tatsächlich 1935 geprägten unterscheiden zu können und um den Charakter der Handelsware zu unterstreichen, stellte man der Jahrzahl "1935" den Buchstaben "L" (Lingot = Barren) voran. Chronologisch im Uhrzeigersinn um die Tastatur meines Computers angeordnet leuchten sie auf meinem unschuldigen Schreibtisch wie die Edelweißblüten um den Hals des Vreneli. Und ich frage mich, wo die Faust des heiligen Martin abgeblieben ist. Warum sie nicht das Matterhorn durchstößt. Die Sonne hat auch in diesem Frühjahr wieder durch das Zornloch den Elmer Kirchturm beschienen und den Bauern im Luftkurort Mut gespendet.

In den letzten Jahren, das gebe ich ungern zu, weil ich mich auch dieser Gefühle zutiefst schäme, empfand ich aus der Ferne oft so etwas wie Schadenfreude über mein Goldvreneliland. Zum Beispiel als die erste Maschine der nationalen Fluggesellschaft abstürzte, 229 Menschen in den Tod riss und der Meeresgöttin vor Halifax 500 Kilogramm Liebesbriefe, zwei Kilo Diamanten, 50 Kilo Banknoten, fast fünf Kilo Schmuck und zwei Kilo Präzisionsuhren sowie einen Originalpicasso („Le peintre“) opferte. Oder als im Gotthardtunnel ein Lastwagen in Brand geriet und über dem ganzen Land eine schwarze Rauchwolke hing, weil die Entlüftungsschächte verstopft waren. Oder als das frühere Goldgräberdorf Gondo durch einen Erdrutsch verschüttet wurde. Als ein Cityliner in Nassenwil seine Nase in einen Acker bohrte, kurz darauf ein Jumbolino in Bassersdorf. Als feststand, dass beide Flugzeuge aufgrund Selbstüberschätzung der Piloten zum Absturz kamen. Als russische Eliteschüler vom Himmel über dem Bodensee fielen. Als ein Vater aus Ossetien kam, nicht mehr ein noch aus wusste und den Fluglotsen Peter vor seinem Einfamilienhaus in Kloten erstach ...

Dies sind keine Nachtgebete. Der Goldkurs ist unter den Gefrierpunkt gesunken. Schadenfreude löst Scham nicht auf. Im Gegenteil. Meine Vreneli haben jeden Kaufwert verloren. Die Münzen sind da und glänzen unverdrossen. Ich werde sie bis ans Ende der Welt mitnehmen müssen.

© Judith Arlt 2004

Gedruckt in: Scham. Konkursbuch 43, Konkursbuchverlag Claudia Gehrke. Tübingen 2005, S. 184-187.

Die Übersetzung ins Polnische besorgte Maria Kolenda. „Bajka nie bajka“ ist erschienen in: Dialog, Warszawa 11/2004, S. 101 – 103.

 

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